Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Schwindender Überfluss

In vielen Sprachen spricht die Welt. Doch sind auch viele Sprachen vom Untergang bedroht: Davor warnen Experten zurzeit entschiedener denn je. Wo Sprachen  verschwinden, gehen Kulturen zugrunde. Hierzulande drohen Dialekte auszusterben – und viele schöne alte Wörter sind schon so gut wie tot.

Auf dem zunehmend vernetzten Globus sehen sich die Menschen gezwungen, sich auf eine Weltsprache zu einigen. (Grafik: GDJ/Pixabay)


Von Michael Thumser

8. Januar– Wer in Berlin eine Stadtrundfahrt in einem der vielen Sightseeing-Busse unternehmen möchte, der erblickt womöglich, bevor er das Fahrzeug besteigt, auf dessen langer Flanke ein paar karikierte Menschenköpfe und vor einem davon die Sprechblase: „Da kiekste – wa?“. Zu schauen, gucken, „kieken“ gibt es in der Kaaiptale bekanntermaßen viel, indes macht sich, wie ihre Bewohner beklagen, ihr unverwechselbarer, charmant großsprecherischer Dialekt immer weniger vernehmlich. Wer sagt heute noch „sabbeln“ für dumm daherreden oder „schnurz“ für gleichgültig, „Schrippe“ für Brötchen oder „knorke“ für „geil“?

     Ende vergangenen Jahres warnte ein Kolumnist der Berliner Zeitung, die hauptstädtische Mundart verwendeten heute vor allem Menschen mit ostdeutscher Herkunft. „In Westdeutschland und West-Berlin sprachen wir nur selten so und wenn, dann zum reinen Amüsement.“ Könnte sein, dass jener Zungenschlag in nicht ferner Zukunft vollends von Auflösung bedroht ist. „ ‚Icke‘ darf nicht sterben“, verlangt darum der traditionsbewusste Journalist: „Rettet das Berlinern.“ Auch in anderen Regionen der Republik, nicht zuletzt in Franken, jammern sprachkundige Bewohner über den Rückgang ihrer spezifischen Sprechweise. In München suchen Alteingesessene oft vergebens nach bairischen native speakers ihresgleichen. Was sich hierorts und hierzulande im Kleinen ereignet, geschieht seit Jahren auf der ganzen Welt.

     Den Spuren von 6511 Sprachen – das sind mehr als neunzig Prozent aller auf Erden gesprochenen – ist ein australisches Team um den Hochschul-Linguisten Lindell Bromham nachgegangen, das dieser Tage die Ergebnisse seiner gründlichen Untersuchungen bekanntgab: Gut möglich, dass 1500 Sprachen bis zum Ende des Jahrhunderts aus den Stimmen der Völker und ihrer noch immer babylonischen Vielfalt ausgelöscht sind. Fünfzehnhundert: Eine erschreckende, wenngleich keine überraschende Zahl. Bereits seit etlichen Jahren warnen Experten immer wieder vor einem globalen Sprachensterben; noch nie allerdings legte eine Forschergruppe ein so genaues Raster an. Vier Kategorien benannten die Australier: Sprachen, die nur noch von sehr wenigen alten Menschen gesprochen werden, haben sie als „stark gefährdet“ klassifiziert; „gefährdet“ nennen sie solche, die Erwachsene nicht mehr an Kinder weitergeben; wo die Verbreitung einer Muttersprache eklatant schwindet, sprechen sie von einer „bedrohten“ Sprache; als „schlafend“ schließlich betrachten sie eine vormalige Muttersprache, die heute nur noch als Zweitsprache dient. Auch wichtige Ursachen für den Untergang führt das Team an: so die wachsende Anziehungskraft der Städte und, damit verbunden, die sich verdichtenden Straßennetze, die besonders in armen Weltgegenden die Landflucht begünstigen; paradoxerweise auch die Bildung durch Schulunterricht: Meist wird er in sogenannten Mehrheitssprachen gehalten.

Wo Sprachen zugrunde gehen, sind Kulturen bedroht

Wenngleich, wie die Bibel sagt, dass „am Anfang das Wort“ war, werden, am bitteren Ende, vielen kleineren oder peripheren Völkern schlichtweg die Worte fehlen. Dann aber sind auch ihre Kulturen selbst im Kern bedroht. Denn mit der eigenen Sprache beanspruchen Menschen hörbar ihr Recht auf die Eigenständigkeit ohrer Herkunft und Überlieferung, ihrer Bilder-, Vorstellungs- und Wertewelt, ihrer Lebensweise und ihrer Intentionen. So viele Zungen, so viele Kulturen. Mindestens. 7139 bekannte Sprachen listet die Website www.ethnologue.com zurzeit auf: ein Kulturgut im Überfluss, sollte man meinen. Indes belegte die Unesco, die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, dass  sich durchschnittlich alle zehn bis vierzehn Tage eine Sprache davonmacht, fast jede für immer. Eine Pandemie.

Was, wenn irgendwann die Worte fehlen? (Grafik: Peggy_Marco/Pixabay)

     Auf Neuguinea teilen sich nicht mehr als 3,5 Millionen Insulaner in sage und schreibe 850 Sprachgemeinschaften auf. Wer weiß, wie lange noch. Das nahegelegene Australien, so die Forscher der National University in Canberra, gehört zu den Gebieten mit dem größten Anteil an gefährdeten oder schlafenden Sprachen: Einst kannten die Ureinwohner 250 Idiome; dann kam die Kolonisierung. Besatzungssoldaten und Desperados, Missionare und Händler trieben den Indigenen ihre Sprachen aus, um ihnen die eigene aufzuzwingen. Heute lassen sich nur mehr vierzig Idiome finden, und lediglich ein Dutzend geht noch von den Eltern auf die Kinder über. Auch andernorts sind namentlich indigene Völker betroffen. Um in einer bis in hintere Winkel globalisierten Welt den Nachkommen den Weg in die Zukunft zu ebnen, werten die Erwachsenen im familiären Gespräch die Muttersprache vorsätzlich zur Zweit- und Fremdsprache ab. Am fatalsten trifft es Ethnien, die keine Schrift kennen. Den absehbaren sang- und klanglosen Hinschied von neun Zehnteln aller Sprachen sagen die pessimistischsten Fachleute voraus: Denn neun Zehntel werden gerade mal von jeweils fünftausend oder noch weniger Menschen gesprochen.

     Umgekehrt verbreitete sich nie zuvor eine Sprache so flächendeckend über so viele Teile der Staatengemeinschaft wie seit hundert Jahren das Englische. Sein Vormarsch gehört zu den Symptomen der Globalisierung, wie umgekehrt das grassierende Sprachensterben dazugehört. Berechnungen der Unesco zufolge parlieren 97 Prozent der Menschen in nicht mehr als vier Prozent der Sprachen, die meisten im Mandarin der Chinesen, bei denen es die Masse macht. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Spanisch und Englisch. Gerade in den digitalen Netzwerken dient Angloamerikanisch erdumspannend als Informationsträger für Politik, Handel und Verkehr, für Kommunikation und Unterhaltung. Für den landläufigen Austausch von Alltäglichkeiten genügen schon rudimentäre Englischkenntnisse. Wo aber ein halb geradebrechtes Pidgin zur lingua franca aufsteigt, verliert zugleich Englisch als Kultursprache an jener Genauigkeit, die unerlässlich ist, um die Dinge der Welt, die Umstände des Lebens gebührend abzubilden.

Mordopfer Minderheiten-Sprache

Auch Mordanschläge werden verübt und gelingen nicht selten: die vorsätzliche Ausmerzung. Autokratische Regime, wie sie gegenwärtig auch in und um Europa wieder erstarken, berauben Minderheiten, von denen sie sich in ihrer Alleinherrschaft bedroht fühlen, gern ihrer besonderen Sprachen oder sprachlichen Besonderheiten. Wenn sich eine Volksgruppe durch ihr eigenes, selbstbewusst gepflegtes Idiom merklich vom großen nationalen Ganzen absondert, droht sie ihm mit Zersetzung und Zerfall. Wo umgekehrt eine Sprache stirbt, verliert eine Gemeinschaft ihre spezifischen Erinnerungen und Kenntnisse, ererbten Denkweisen und Normensysteme. Sie verliert ihr Eigenes: die Identität. Den Diktatoren kann das nur recht sein; sie erkennen ein Instrument darin und gebrauchen es.

     Freilich lässt sich eine Sprache sui generis nicht immer leicht vom bloßen Dialekt unterscheiden, der nachweislich von ihr abstammt und mithin ihr wesenhaft angehört. So fließen die Grenzen zwischen dem standardisierten Hochdeutsch und regionalen Spielarten wie dem Bairischen oder Sächsischen: Zwar klingen sie durchaus eigen, vielfach explizit anders, gleichwohl hängen sie weitgehend am gemeinsamen Grundgerüst fest.

     Wenn „am Anfang das Wort“ war – welches Wort war das dann wohl? Englischen Archäolinguisten zufolge stand wohl die verbale Selbstbehauptung durch ein autonomes „Ich“ am Beginn der Kommunikation, welchen Laut die vorgeschichtlichen Urururahnen auch immer dafür ausgestoßen haben mögen: eines der Wörter, die nie vergehen. Andere lösten sich längst in Luft und Vergessen auf, viele, weil die Dinge, die sie bezeichneten, im Alltagsleben schlicht nicht mehr vorkommen. Das Deutsche, auf der Liste der am häufigsten gebrauchten Sprachen (je nach Quelle) auf Platz elf oder zwölf und wohl noch lange nicht in seiner Existenz bedroht, kennt etliche Begriffe, die es verdient hätten, auch ohne unverzichtbaren Nutzen im kollektiven Gedächtnis bewahrt zu werden, allein um ihrer Schönheit willen. Siebensachen wie die Galanteriewaren sind darunter, der Muckefuck oder die Liebestöter … Um ein Haar wäre auf jenem Wörterfriedhof auch das Telegramm gelandet, gäbe es nicht inzwischen eine berüchtigte Massaging-App (fast) desselben Namens. Musikalische Sprecher – solche, die in der Lage sind, dem Klang und Rhythmus eines Wortes Genuss abzugewinnen – wissen den Dreikäsehoch oder den Mumpitz zu schätzen und lassen ebenso die Unbotmäßigkeit und andere rhetorische Lustbarkeiten nur ungern ziehen.

     Als Labsal dürfen derlei Wörter gelten, als Antiquitäten, zugegeben, was sie freilich nur kostbar, keineswegs zu wertlosen Überbleibseln macht. Weil aber das oft arg pragmatisch parlierende Gros der Deutschsprechenden taub wird für die Poesie, die aus ihnen tönt, sortieren sie den bunten Schatz solcher Vokabeln aus ihrer Muttersprache aus, die sie überhaupt nach Kräften strapazieren. Man könnte sagen: Sie treiben viel Schindluder mit ihr. Doch auch dieses Wort wird, wie „Schrippe“ oder „knorke“, demnächst voraussichtlich verschwunden sein.