Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Eckpunkte-Archiv 2022


Was wir brauchen

4. Januar   Auf das Wenigsten von dem, womit wir unser Leben ausstaffieren, wollen wir verzichten. Aber das meiste davon brauchen wir nicht: „nicht wirklich“, wie man so sagt – nicht, um zu überleben. Wer mag, darf alles für überzähligen Luxus halten, was über das hinausgeht, was Abraham Maslow als unerlässliche Bedingungen für unsere biologische und soziale Existenz definierte: In seine „Bedürfnispyramide“ trug er zuallererst die Luft zum Atmen, ausreichend Flüssigkeit und Nahrungsmittel sowie eine Behausung ein, die uns vor den Unbilden von Natur und Wetter abschirmt; darüber schichtete der US-amerikanische Psychologe den Schutz vor den mancherlei Arten von Gewalt und Unsicherheit, geordnete und stabile soziale Verhältnisse, einen unangefochtenen, anerkannten Platz in ihnen, Freiraum zur individuellen Sinngebung und dergleichen. Um all das zu erlangen, wohnt jedem von uns ein natürliches Streben inne. Wo dieses Verlangen indes den Rahmen fairer Mitmenschlichkeit überschreitet, entartet es zur Gier. Sobald wir besagte Grundbedürfnisse schmerzlich als unerfüllt empfinden, wächst in uns die Bereitschaft, sie mit gesteigerter Selbstsucht zu befriedigen, die womöglich in Gewalt und Hass ausufern. In drei Ausstellungen zum Thema ermittelt das Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart „Was uns bewegt“: Bis zum vergangenen September widmete es sich der „Gier“; zurzeit, bis zum 24. Juli, spürt sie dem „Hass“ nach. Versteht sich, dass der Blick dabei auf internationale Spannungen und ihre Entladungen fällt, so auf die Französische Revolution, die unzählige Aristokraten und tatsächliche oder vermeintliche Konterrevolutionäre die Köpfe kostete und in eine ganze Reihe grausiger Kriege mündete. Den Hass gegen Juden und Minderheiten rückt das Kuratorenteam ins Bild, politische Aktionen gegen Einzelne – wie das Attentat auf den weiland preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck, durch das der Mannheimer Ferdinand Cohen-Blind 1866 den „Deutschen Krieg“ gegen Österreich verhindern wollte -, nicht zuletzt die allgegenwärtige Gewalt gegen Frauen und Kinder. Seit der Verbreitung des Internets stehen den unversöhnlichsten Spinnefeinden unter uns zahllose Hass-Foren von buchstäblich unerschöpflichem Fassungsvermögen und grenzenlosem Verbreitungsgebiet zur Verfügung. Als Wurzeln und Motive macht die Präsentation – neben unser aller Neigung, etwas geringzuschätzen, das nicht unseren persönlichen Festlegungen entspricht – die verbreitete Angst vor dem Anderen und Fremden aus und den Neid auf jene, die es vorgeblich schöner oder besser haben. Was dagegen hilft, sind – zum Beispiel jetzt, zum neuen Jahr – die berühmten „guten Vorsätze“, sofern sie realisierbar bleiben: Zu Toleranz, Anteilnahme, gegenseitigem Sich-gelten-Lassen sollte es wohl reichen. Man kann, gerade anderthalb Wochen nach Weihnachten, dazu auch „Liebe“ sagen: Auch sie brauchen wir wie Nahrung und Wohnung, wie die Luft zum Atmen. Ihr wird folgerichtig die dritte Stuttgarter Schau gewidmet sein, die ab dem 14. Oktober die Trilogie abschließen soll. Unseren Planeten be- und übervölkern beinah acht Milliarden Menschen, denen die Nachrichten Tag für Tag viel Schlechtes nachsagen. Gleichwohl sollten wir uns, gerade mit dem Rück-Blick auf das Jesus-Baby in der weihnachtlichen Krippe, bewusst machen: Fast jeder von ihnen wurde als Kind der Liebe empfangen.  ■