Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Eckpunkte-Archiv 2022/23

Drei in einem

31. Januar   Wer sich von uns nur ein wenig mit Philosophie beschäftigt, der weiß, dass nicht das Festhalten an unumstößlichen Systemen, sondern der Zweifel an ihrer Unumstößlichkeit unser Denken weiterbringt. Jahrtausendelang freilich konnte jedes Misstrauen gegen fürstliches oder klerikales Herrenwissen schlimme Folgen haben. Erlitten hätte sie beinahe Martin Luther, der 1521 beim Reichstag zu Worms den Flammentod als Ketzer hat gewärtigen müssen. 79 Jahre später bestieg ein italienischer Schwerintellektueller in Rom dann wirklich den Scheiterhaufen: Giordano Bruno, dessen Geburtstag sich heuer zum 475. Mal jährt, hatte sich erfrecht, nicht allein die Gestalt Jesu Christi als fleischgewordene Personifikation Gottes zu beargwöhnen, obendrein stellte er die „heilige Dreifaltigkeit“ Gottes als Vater, Sohn und Heiliger Geist infrage. In unseren säkularen Zeiten weigert sich eine zunehmende Zahl von Zeitgenossinnen und -genossen, sowohl das eine wie das andere für bare Münze zu nehmen. Aus unserem Sprachgebrauch hat sich die anschauliche Vorstellung gleichwohl nicht fortgestohlen: jene bildkräftige Allegorie, die eine umso abstraktere Trias für untrennbar gehaltener Elemente unauflöslich umfasst. Acht Tage bevor Wladimir Putin seinen Angriffskrieg vom Zaun brach, zitierte das Warschauer Onlineportal Nexta ihn mit Worten, in denen er pathetisch eine „dreieinige“ Nation beschwor, bestehend aus Russland, dem durchaus willigen Belarus und der gänzlich abgeneigten Ukraine. Ähnlich profan reimte, zum Beispiel, vor Jahresfrist Peter Lenfers, Pfarrer im westfälischen Warendorf, in einer Karnevalspredigt: Am Wochenende vor Rosenmontag scheute er sich nicht, Long-Covid, „Long-[Faschings-]Prinz“ und „Long-[Schützen-]König“ zu einer irdischen „Dreieinigkeit“ zusammenzuführen. Tusch: sehr witzig. Immerhin führen die Pointe und ihr kirchlicher Urheber auf den vor allem geistlichen Bezug des Begriffs zurück; wie es auch die Zeitung Die Rheinpfalz tat, als sie sich in der Mythenwelt rund ums rheinland-pfälzische Mutterstadt umsah: Bei einer „Dreieinigkeit aus Weißer Frau, Gespenstermönch und Höllenhund“ wurde sie fündig, wohlgemerkt „an einem Ort, an dem laut Sage ein inzwischen untergegangenes Kloster gestanden haben soll“. In Einrichtungen solcher Art halten die frommen Brüder und Schwestern natürlich eisern am Glauben an die von Giordano Bruno geleugnete Trinität fest. Und seit jeher taufen die Kirchen des ausdrücklich monotheistischen Christentums Kinder „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, wie es der auferstandene Jesus im Matthäus-Evangelium anordnet. Also was ist dieser Gott denn nun: Ist er drei? Oder doch nur einer? (Und unbedingt männlich?) Wenn wir so fragen, helfen uns aufgeschlossene Theologen gern mit vergleichenden Hinweisen auf das Wasser weiter: Das tritt ja auch in dreierlei Gestalt auf, als Dunst, als Flüssigkeit, als Eis. Warm darf es uns bei Jean Paul werden: Zwar, als frostigen Albtraum ließ der Dichter schon mal eine „Rede des toten Christus“ vom Stapel, „dass kein Gott sei“, geträumt aber wird die Horrorvision - ein „Blumenstück“ aus dem „Siebenkäs“-Roman - „an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge“; im „Titan“ entwirft er, gleichfalls bei sommerlicher Temperatur, eine vollends freundliche Szene: Da kutschiert „unter dem schönsten Himmel“ ein „offener Triumphwagen“ herum, besetzt mit Damen, einer „weiblichen Dreifaltigkeit.“ ■


Ich will mich

17. Januar   Nicht, dass jemand diese Begriffe durcheinanderbringt! Monogamie bedeutet: Jemand ist nicht mit mehreren Geschlechtspartnern verheiratet, sondern hat ganz brav an einem oder einer einzigen genug. In der Sologamie hingegen findet solche paarbildende Genügsamkeit erst eigentlich ihre Vollendung: Dabei verwandelt sich das in Standesamt und Kirche gehauchte „Ja, ich will“ in ein selbstbezügliches „Ich will mich“; denn der oder die Verliebte heiratet niemand  anderen, sondern sich – die Einehe als Selbstehe. Dergleichen kommt tatsächlich vor und geschah, zum Beispiel, vor etwa einem halben Jahr mal wieder mitten im US-amerikanischen Showbiz (wenngleich deutschsprachige Medien erst seit wenigen Tagen darüber berichten): Ende November verriet die Sängerin und Schauspielerin Selena Gomez dem Rolling Stone-Magazin, sie habe sich bereits im Juli zuvor, anlässlich ihres dreißigsten Geburtstags, eine „Hochzeit geschenkt“, die sie mit Freundinnen und Freunden glanzvoll als „Feier der Selbstliebe und des Selbstvertrauens“ zelebrierte. In der Party gipfelte offenbar eine Attacke von Torschlusspanik. Eingedenk der 350 Millionen Fans, die dem noch jungen Superstar auf Instagram folgen, scheint dies zunächst wenig glaubhaft; doch machte Gomez geltend, sie sei in der Überzeugung aufgewachsen, spätestens „mit 25 verheiratet zu sein", um sich fünf Jahre nach dem Stichtag nun so zu fühlen, als wäre sie von ihrem Ziel so weit entfernt wie nie. „Das hat mich umgehauen: Ich dachte, meine Welt sei vorbei.“ Ist also nach der opulenten Festlichkeit mit mehrstöckiger Torte, rotem Rosenmeer, Tanz und dem Auftritt einer Stripperinnen-Truppe alles gut? Schon 2017 berichtete der Spiegel über eine „kleine, aber wachsende Bewegung von Menschen, die sich selbst heiraten“ – meist Frauen in den Dreißigern –, und nannte als seinerzeit „letztes prominentes Beispiel“ das brasilianische Victoria’s Secret-Model Adriana Lima. Der Neuen Zürcher Zeitung war das - zwischen Selbstfürsorge und eitler Eigenliebe unbestimmbar changierende - Phänomen kürzlich einige analysierende Überlegungen wert. Eine Wurzel ermittelte sie in der populären Fernsehserie „Sex and the City“, in der schon vor zwanzig Jahren die von Sarah Jessica Parker gespielte Carrie Bradshaw ankündigte, sich mit sich selbst zu vermählen. Viele Sologamistinnen, schlussfolgerte das Blatt, sähen ihren sehr speziellen Lebensentwurf „als Auflehnung gegen das patriarchale System, in dem Hausarbeit und Kindererziehung noch immer nicht fair zwischen den Geschlechtern aufgeteilt“ seien. Andere Quellen führen weitere Gründe an: Etliche von denen, die sich derart rückhalt- und bedingungslos zu sich selbst bekennen, wollen sichtbar signalisieren, dass keiner ihr Leben als Single für ein leeres Loser-Dasein halten solle; andere haben wohl zu viele Enttäuschungen erlebt, um noch irgendjemand anderem zu vertrauen. Vielleicht gehören auch die genannten Damen dazu: 2009 hatte Adriana Lima den Basketballer Marko Jarić geheiratet, von dem sie sich 2016 scheiden ließ, und Selina Gomez war, unter anderem, mit Justin Bieber liiert, sogar zwei Mal. Haben sie und ihresgleichen schlicht die Nase voll? Wer ihrem Beispiel nachfolgen will, sollte zwar bedenken, dass Stande- und Kirchenämter die Selbstehe weder anerkennen noch beurkunden. Das bedeutet aber zugleich, dass solcher Bund fürs Leben sich auch nach dem autoerotischen Vollzug notfalls wieder annullieren lässt. ■


Wege zum Himmel

10. Januar   Das Artefakt sieht sportlich aus: wie ein Diskus im XXL-Format. 32 Zentimeter misst es im Durchmesser, 32 Sterne in bewusster Ordnung sind darauf zu sehen, darunter (augenscheinlich) die sieben Plejaden, ferner ein Horizont, ein voller und ein sichelförmiger Mond sowie die Sonne, geradezu symbolisch in Gestalt einer Barke. Auseinander gehen die Ansichten über das Alter des Objekts: Mindestens 3600 Jahre? Oder weniger als 2600, wie vor drei Jahren zwei Forscher behaupteten? Einigkeit aber herrscht darin, dass es „echt“ ist – also gehörig alt –, ja sogar als die „weltweit älteste bekannte Darstellung einer konkreten Himmelssituation“ gelten darf. Und die Experten wundern sich, dass derart exakte Beobachtungen im frühgeschichtlichen Mitteleuropa sowohl gemacht als auch festgehalten wurden. Als „Himmelsscheibe von Nebra“ genießt das aus Bronze geschmiedete, mit dünnen Goldauflagen verbrämte Wunderding weltweit Interesse und Bewunderung und firmiert seit 2013 als Weltdokumentenerbe. Am 4. Juli 1999 hatten Raubgräber es auf dem Mittelberg im Burgenlandkreis aus dem Boden geholt – zusammen mit je zwei Schwertern, Beilen und Spiralen (als Armschmuck) sowie einem Meißel – und es an Hehler vertickt. Die flogen 2002 in Basel auf, als sie die Scheibe weiterverkaufen wollten. Binnen Kurzem klassifizierten Wissenschaftler den Fund als Sensation. Freilich lässt sich seine kulturhistorische und ideelle Kostbarkeit mit Zahlen nicht ermessen; selbst ihr horrender Versicherungswert von hundert Millionen Euro sagt wenig darüber. Kein Wunder, dass in der „Arche Nebra“, dem futuristischen Besucherzentrum nahe beim Fundort, eine Kopie zu sehen ist; das wohlverwahrte, 2,2 Kilogramm schwere, bis zu 4,5 Millimeter dicke Original präsentiert indes das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Beide, „Arche“ und Museum, sind Stationen der „Himmelswege“, die das sachsen-anhaltische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie den prähistorisch interessierten Reisenden geebnet hat (und die, außer nach Nebra und Halle, auch nach Langeneichstädt, Goseck und Pömmelte führen). Wer bei Winter-, Wind und Regenwetter gegenwärtig lieber zu Hause bleibt, kann und sollte im Internet das hochinstruktive, noch dazu sehr schicke „E-Museum Himmelswege“ virtuell durchstreifen. Die staunenden Besucherinnen und Besucher unterrichtet es mittels fasslicher Texte und erhellender Grafiken über Guss und Gestaltung der ursprünglichen Scheibe höchstwahrscheinlich 1600 Jahre vor Christus – am Ende der frühen Bronzezeit –, über die nicht weniger als vier Phasen der Umgestaltung in den zweihundert folgenden Jahren, mittels eines faszinierenden 3-D-Modells auch über die Fundsituation mitsamt den Beifunden. Vermutlich half das flache Schmiedestück – halb Visiereinrichtung, halb Rechenschablone –, die Tage der Sonnwenden festzustellen und vielleicht auch zwischen Sonnen- und Mondjahr zu vermitteln. Weil für die Menschen jener Epoche der Himmel immer auch Götterhimmel war, wobei sie keine trennende Linie zogen zwischen Naturkunde und Metaphysik, war das Objekt gewiss auch Kultobjekt. Seit seiner Befreiung aus dem Grab ist es wieder eins: Kaum ein anderes vorgeschichtliches Fundstück nördlich der Alpen hat die Zeitgenossen derart fasziniert. Lange meinte der Mensch, die Erde sei eine Scheibe; seit der Exhumierung von Nebra weiß er: Der Himmel ist eine. ■


Stunde null, Jahr eins

24. Dezember   Die Null darf uns absurd vorkommen, denn sie ist ein seltsames, für unseren Normalverstand ungreifbares, unbegreifbares Ding. In der Null kommt zusammen, was nicht zusammengehört, nämlich Nichts und Etwas, mehr noch: Nichts und Alles. Sie ist eine Zahl, doch nichts, weiß unser Menschenverstand, lässt sich zählen mit ihr, es sei denn, es treten andere Zahlen hinzu, die größer sind als sie, was kein Kunststück ist. Null, der ungefüllte Kreis, bezeichnet eine Menge, die nur Leere enthält, wenn wir aber, sozusagen ‚links‘ von ihr, etwa eine Eins hinzusetzt, haben wir mit einem Mal nicht nur ein Ding, sondern zehn Dinge; und je mehr solche nichtigen Kringel wir ‚rechts‘ dazukritzeln, desto weiter entfernen wir uns in Richtung Unendlichkeit. Deren Symbol ist die liegende Acht, mithin so etwas wie zwei an ihrem Rand sich berührende Nullen – das begreife, wer will. Gleichwohl fand die Null, obwohl ein Ding jenseits der Existenz, bildkräftig in die Alltagssprache: Unter uns Menschen ist eine Null jemand, der durchaus leibhaftig vor uns steht, nur dass wir ihm vorwerfen, ein Versager, ein Nichts zu sein. Die „Null-Bock-Generation“ der Achtzigerjahre hatte zwar Lust auf nichts, trat aber in zigmillionen Menschenexemplaren auf. Und wer uns auf ein Anliegen mit mit als den Wörtern „Null Problemo“ antwortet, will glauben machen, zu allem in der Lage zu sein. Weil die Null nichts ist, kann sie – scheinbar – auch kein Anfang sein, weswegen auf Uhren, die den Namen verdienen (weil sie nämlich noch große und kleine Zeiger haben), die Zwölf den Nullpunkt jeder Stunde markiert. Die  „Stunde Null“ wiederum, der 8. Mai 1945, an dem die Nazis das von ihnen in den Weltkrieg geführte Land zertrümmert zurückließen, hatte wirklich mit so etwas wie dem Nichts zu tun: Niemand konnte ahnen, wie und mit wem und ob es überhaupt weitergehen werde. Indes ist nicht die Null allein, auch die Zeit ein ungreifbares, unbegreifliches Ding, etwa indem sich, anders als die Stunde, das Jahr der Null verweigert: Denn mit dem Jahr eins hebt unsere Zeitrechnung an, was wir, wenn wir kurz nachrechnen, für ganz logisch halten müssen. Im - längst nicht mehr sehr christlichen - Abendland bleiben wir dabei, die historische Zählung mit jenem Jahr beginnen zu lassen, in dem Jesus von Nazareth das Licht einer den Messias ersehnenden Welt erblickt haben soll; wann immer das tatsächlich stattfand: Die plausibelste Theorie terminiert den Moment irgendwann zwischen den Jahren 7 und 4 „vor Christi Geburt“. Letztere setzte sich allerdings erst ein gutes Halbjahrtausend „nach Christi Geburt“ als Ausgangspunkt der Historiografie durch: Mit der Festlegung beendete der gelehrte Mönch Dionysius Exiguus im Jahr 525 einen Streit unter Gelehrten. Den nächsten Schritt müssen wir dann nicht mehr für logisch halten: Sofern Jesus, wie überliefert, am 25. Dezember ins Leben trat – warum feiern wir dann Neujahr am 1. Januar? Weil unsere säkulare Welt an dieser Setzung, einem Erbstück der ‚heidnischen‘ Antike, bis heute festhält. Nach Janus heißt der erste Monat in unserem Kalender, nach jenem zweigesichtigen transzendenten Wesen aus der römischen Mythologie, das zugleich vorwärts und rückwärts schaut, als ob es alles im Blick hätte, sich aber für nichts entscheiden könnte. Dem Gott oblag unter anderem die Sorge für Türen und Tore, für Durchgänge also, Null-Stellen des Raumes, die sowohl in etwas hinein- als auch wieder herausführen, weil zu allem Anfang auch stets ein Ende gehört. ■


Zwei Kilo Kopfputz

10. Dezember    Die Träger wechseln, die Krone bleibt. Aber selbst mit dem royalen Kopfschmuck verhält es sich nicht anders als mit unseren normalen Alltagshüten (sofern wir welche tragen): Nicht jede passt jedem. Die Edwardskrone, 1661 geschaffene Hauptpreziose der britischen Kronjuwelen, bedeckte zum letzten Mal einen königlichen Scheitel, als am 2. Juni 1953 die damals 27-jährige Queen Elizabeth II. vier Monate nach dem Tod ihres Vaters George VI. in Westminster Abbey damit gekrönt wurde. Danach kehrte sie wieder in den Hochsicherheitstrakt im Londoner Tower zurück – denn nur zu jenem singulären Anlass trägt sie eine Königin, ein König. Wahrscheinlich durchaus zur Zufriedenheit der frischinthronisierten Monarchen: wiegt doch das dreißig Zentimeter hohe Machtsymbol, aus sehr viel Gold und einigem Silber, zudem fast 450 erlesenen Edelsteinen und Perlen gefertigt, 2,23 Kilogramm – schwer genug, um bei längerem Balancieren auf dem Kopf für einen steifen Nacken zu sorgen. Darum steht für dienstliche Obliegenheiten ein leichteres Modell zur Verfügung, die Imperial State Crown, die sich mit etwa einem Kilo bescheidet, wengleich sie den geschätzten Wert der Edwardskrone – etwa vierzig Millionen Dollar – um ein Mehrfaches übertrifft. Nun sehen wir dem 6. Mai entgegen und damit der Krönung des vormals ewigen Kronprinzenen Charles zum dritten britischen Königs seines Namens, wofür die Kopfzierde am vergangenen Sonntag nach über siebzig Jahren zum ersten Mal wieder aus ihrer Schatzkammer herausgeholt wurde. Denn sie muss an die einschlägigen Körpermaße des neuen Trägers angepasst werden: Der Kopfumfang des frischgebackenen Regenten übertrifft den der Mama, und eine zu kleine Krone sieht auf einem erlauchten Haupt wohl ebenso lächerlich aus wie ein zu kleiner Hut auf einem unserer Durchschnittsköpfe. Dies alles bedenkend, mögen wir kaum fassen, dass das Wort Krone sehr schlicht vom lateinischen corona für Kranz herrührt. Wohl auf den Lorbeerkranz als antikes Ehrenzeichen etwa für Potentaten, Militärs oder Sportler gingen im europäischen Mittelalter sowohl die Idee als auch die Form der Krone zurück: auf einen um die Stirn zu tragenden Goldreif und allerdings außerdem auf den Königshelm germanischer Stammesanführer. Heutzutage passt der Begriff auf alles Mögliche, das in buchstäblichem oder übertragenem Sinn herausragt: Krone nennt der Mediziner den sichtbaren Teil des Zahnes über dem Zahnfleisch (oder die metallene, keramische oder kunststoffliche Rekonstruktion), in Tschechien und Skandinavien heißen Währungen so, der Jäger spricht auf diese Weise vom Geweih eines Rehbocks, der Uhrmacher vom Rädchen, mit dem an alten Armband- und Taschenuhren das Werk aufzuziehen und die Zeit einzustellen ist, die Botaniker bezeichnen mit Krone die Blätter einer Pflanzenblüte, erst recht den von Ästen und Gezweig gebildeten Teil des Baumes oberhalb des Stammes. Positive Bedeutungen allesamt; indes verkehren sie sich durch Ironie auch gern ins Gegenteil: Schwer Betrunkenen werfen wir vor, einen in der Krone zu haben, und einen Meister der Unverschämtheit bezichtigen wir, er setze allem die Krone auf. Der durch den Zustand unserer Welt weidlich widerlegte Standpunkt, wir Menschen dürften als Krone der Schöpfung gelten, wird selbst durch die Vornehmheit königlicher, zeremoniös gekrönter Häupter nicht glaubhafter. Es fiele uns kein Zacken aus der Krone, lernten wir wenigstens, endlich das zuzugeben. ■


Doppelter Schwindel

3. Dezember       Im US-Buchhandel kostet das Buch mindestens 29,70 Dollar. Es sei denn, der Autor hat es persönlich signiert, dann erhöht sich der Preis auf knapp das Siebzehnfache: Für die gebundene Originalausgabe von Bob Dylans am 1. November erschienene „Philosophy of modern Song“ werden, sofern der Singer-Songwriter und Literaturnobelpreisträger seinen Namen eintrug, stolze 599 Dollar fällig. Macht für die eigenhändige Unterschrift 569,30 Dollar. Auf neunhundert Exemplare beschränkte der Verlag Simon & Schuster die Sonderauflage – echte Sammlerstücke sollten unters Volk kommen und als Raritäten ihr Geld wert sein. Sind sie aber nicht: alles Fake. Autor und Verlag sahen sich in der peinlichen Lage, einräumen zu müssen, dass Dylan wohl kein einziges der Exemplare je in Händen hatte, geschweige denn mit seinem Namenszug veredelte und adelte, wenngleich ein Echtheitszertifikat dies zu bestätigen vorgab. Die Unterschrift leistete statt seiner eine Autopen genannte Signiermaschine, was im Literatur- und Kunstbetrieb gang und gäbe zu sein scheint. Den düpierten Fans – auch wenn sie mit Rückerstattung der Wuchersumme rechnen dürfen – drängt sich nun die Frage auf, wie sich ein Star, dem es an Ruhm so wenig wie an Reichtum fehlt, auf derlei Machenschaften einlassen konnte. Dylan, 81-jährig, entschuldigte sich mit Symptomen von Altersschwäche: Wegen wiederholter Schwindelanfälle habe er keinen pen, Stift, selbst führen können. Nun erhöhen handschriftliche Eintragungen keineswegs immer die Kostbarkeit von Büchern, im Gegenteil. Wer erinnerte sich nicht an eine Schulgrammatik oder ein Algebra- oder Geschichtsbuch, durch zügellose Schmierer- und Kritzeleien unlesbar und wertlos geworden? Auch wer besitzerstolz seinen eigenen Namen auf dem Vorsatzblatt eines Bandes hinterlässt, macht ihn noch nicht zu etwas Besonderem. Bücher, an selber Stelle mit einer lieben Botschaft des oder der Schenkenden versehen, steigen immerhin in ihrem sentimentalen Wert. Wer indes den Roman oder Lyrikband einer literarischen Zelebrität mit persönlicher Widmung und authentischer Unterschrift sein Eigen nennt, darf sich freuen: In solchen Fällen kann der Geldwert den Kaufpreis vielfach übertreffen. Damit hatten auch die Käufer der dylanschen Song-Philosophie gerechnet – und fielen einem doppelten Schwindel zum Opfer: Dem Künstler will die Täuschung taumelnd unterlaufen sein, mit der Störung des Gleichgewichtssinns ging eine Störung seines Rechtsempfindens einher. Aus einer spendablen Laune heraus leistete sich der Schreiber dieser Zeilen vor zwölf Jahren den Luxus, „Wagners Hund Russ“ aus der Werkstatt Ottmar Hörls zu erwerben, als lebensgroße schwarze Kunststoff-Vollplastik für 350 Euro. Mit eigenhändiger Signatur des Konzeptkünstlers hätte sie gut 700 Euro gekostet. Pro Buchstabe 87,50 Euro? So weit reichte die gute Laune dann doch nicht, die sich allerdings angesichts des Wertzuwachses hebt: Heute lägen die Preise bei 500 und 900 Euro, teilt Hörls Website mit, die übrigens auch klarstellt, die Skulptur könne „wegen ihrer Abmessungen nur als Sperrgut versendet werden“. Beim Postversand von Dylans Buch erübrigt sich solcher Warnhinweis: Es passt in ein normales Päckchen. Auch um ein Exemplar mit der gefälschten Signatur enttäuscht und zornig zu entsorgen, sind keine Umstände nötig: Zum Sperrmüll taugt es so wenig wie zu einem Original. ■

Zwanzig Volltreffer

26. November   Da mache jemand etwas, „das man nicht machen darf“: So umriss 2012 in Tübingen der Kurator Daniel Schreiber den künstlerischen Ansatz des Pop-Art-Künstlers Allen Jones. In der dortigen Kunsthalle dokumentierte vor zehn Jahren die bis dahin größte Retrospektive seines Lebenswerks die schamlose Lust und unverschämte Wucht, mit denen der damals 74-jährige Brite althergebrachte Tabus zu brechen liebte. Aufs Provokanteste tat ers etwa durch die 1969 gefertigten, seither so berühmten wie berüchtigten Möbelstücke, die er aus Skulpturen kaum bekleideter, devoter Fetischladys geschaffen hatte. Im Jahr zuvor war Jones in Kassel auf der vierten „documenta“ mit einem Triptychon vertreten gewesen: Die vertikal aneinandergefügten Teile des Gemäldes, das heute im Kölner Museum Ludwig hängt, zeigen fast drei Meter hoch eine ebenfalls fast hüllen-, diesmal auch noch gesichtslose Dame als ergebene Wunscherfüllerin: Der Titel der Arbeit charakterisiert die Figur als bestmögliche Übereinstimmung mit dem klassischen feuchten Männertraum – als „Perfect Match“. Heute heißt so bei Nutzern und Nutzerinnen von Dating-Portalen der Volltreffer bei der Partnerinnen- oder Partnersuche. Dergleichen muss auch nicht entbehren, wer sich zwischen einer Verabredung und dem nächsten one-night stand Zeit für ein bisschen Kunst nimmt. Denn das Bode-Museum in Berlin hat vor wenigen Tagen die App „Perfect Match!“ freigeschaltet, mit der das weltweit renommierte Haus im Zeichen digitaler Totalvernetzung eine zeitgeistig-zeitgemäße Art der Publikumswerbung und Kunstpräsentation erprobt; in den Stores von Android und iOS ist das Programm, für das Studierende der Kunstgeschichte am Caspar-David-Friedrich-Institut der Universität Greifswald die Recherche leisteten und die Texte schrieben, kostenlos erhältlich. Macht das Beispiel Schule, so könnten in immer mehr Ausstellungen, Sammlungen und Galerien die faden Schrifttafeln mit Erläuterungen, sogar die weit beliebteren und gebrauchsfreundlicheren Audio-Guides ausgedient haben. Nun nämlich können die Nutzerinnen und Nutzer, ähnlich wie beim Swipen während der Online-Anbahnung, schon zu Hause aus einem Angebot von bisher zwanzig Exponaten des Museums auswählen. Was nicht gefällt, wird weggewischt. Mit den Objekten, die auf Interesse stoßen, eröffnet sich, wie es auf der Website der Staatlichen Museen zu Berlin heißt, die Gelegenheit zum „persönlichen Chat“ – vorausgesetzt, auch das Exponat ist an näherer Kontaktaufnahme interessiert. Dann berichtet, zum Beispiel, eine Statuette des Heiligen Patroklus, wie es ihr gelang, von Plünderern aus der Armee Napoleons verschont zu werden. Besonderes Interesse bekunden die Exponate verständlicherweise daran, den Interessenten irgendwann an Ort und Stelle persönlich gegenüberzustehen oder -zuhängen: „Vor Ort am Original“, teilt die Homepage mit, „kann der Chat dann vertieft werden – was sich als emotional, lustig, ernst oder einfach informativ erweisen kann.“ Die App solle „spielerisch Berührungsängste und Hemmschwellen abbauen, indem sie Objekten ein Gesicht gibt“. Die meisten besitzen freilich ohnehin längst eins, etwa Tilmann Riemenschneiders Evangelist Markus von 1492 oder Michel Erharts nur wenig jüngere „Muttergottes“. Beide, der entrückte Jesus-Biograf wie Maria mit dem Jesuskind, verhalten sich zudem sehr anders als die zwar divergenten, indes in Lüsternheit vereinten perfect matches des Tabubrechers Allen Jones: Sie haben was an, vom Hals bis zu den Knöcheln. ■


Unmögliche Kunst

19. November   Die Oper, meinte der bedeutende Kulturpublizist Oskar Bie, sei ein „unmögliches Kunstwerk“. Natürlich bestritt er damit keineswegs ihre Existenz; ganz im Gegenteil: 1913 widmete er ihr ein noch heute gelesenes Buch. Doch war ihm bewusst, dass die Gattung mit dem alltäglichen Leben normaler, also nicht mit den Mitteln des Gesangs kommunizierender Menschen wenig zu tun habe; und er staunte darüber, dass die Oper – und vor der Erfindung des Films nur sie – in der Lage ist, von allen Künsten das Beste in sich amalgamierend aufzunehmen: Vokal- und Instrumentalmusik, Dichtung und Spiel, den Tanz und das Bild. Spätestens Richard Wagner erhob die unabsehbare Vielfalt dieses Potenzials zum Prinzip: Umfassend als „Musikdramen“ apostrophierte er seine großen Opern und konzipierte sie ausdrücklich als „Gesamtkunstwerke“. So auch porträtiert zurzeit die Bundeskunsthalle in Bonn die Gattung in einer Ausstellung: als „einmaliges und vergängliches“, jedenfalls „spektakuläres Gesamtkunstwerk“. Im vorangestellten Adjektiv schwingt das Widersprüchliche der Oper als zugleich „unmögliches“ wie real existierendes „Spektakel“ erhellend mit, erfüllt sie doch viele Bedeutungen jenes Worts, wie etwa der Duden sie angibt, mit staunenswerter Wendigkeit. Sie setzt darauf, mit ihrem Übermaß auseinanderstrebender Wirkungsmechanismen unterschiedliche Sinne gleichzeitig zu überwältigen, indem sie neben der Hörlust auch die Schaulust befriedigt (als ‚echter Hingucker‘, denn vom lateinischen spectare für ansehen rührt das Fremdwort her); um ihre Zwecke zu erreichen, scheut sie geschwollene Rührseligkeit und aufgeblasene Albernheiten nicht; jedenfalls strebt sie mit ihrer Ausdruckskraft danach, Geschichten bigger than life zu proklamieren, und will schon rein äußerlich als üppiges Event möglichst viel Publikum an sich binden. Das gelingt ihr nicht immer, aber in der Regel dann, wenn die sogenannten Schlachtrösser, die erprobten Groß- und Meisterwerke der fünf Gattungsgiganten Mozart, Verdi und Puccini, Wagner und Strauss auf dem Spielplan stehen. „Die Oper ist tot – es lebe die Oper!“ überschrieben die Bonner Kuratoren ihre Schau, und wirklich hält sich die über vierhundert Jahre alte Kunstform irgendwo zwischen imposanter Zeitlosigkeit und lachhafter Überalterung auf, in einem Mischzustand von Innovationsfähigkeit und Leichenstarre. Ob sie nicht letztlich „aus der Zeit gefallen“ sei, erörtert auch Andrea Petković, die einstige Profi-Tennisspielerin, die jetzt fürs Feuilleton der Zeit Kolumnen schreiben darf, in einer Erlebniserzählung in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung. Auf der Suche nach „neuen körperlichen und emotionalen Herausforderungen“ besuchte sie, ihrer vornehmlich rockmusikalischen Sozialisation zum Trotz, sechzehn Stunden lang Dmitri Tchernjakows aktuelle Inszenierung von Wagners „Ring des Nibelungen“ in der Berliner Staatsoper. Dort fühlte sie sich bereits im „Rheingold“ ganzkörperlich von „einer Gänsehaut“ überzogen und erlebte in der „Götterdämmerung“ Siegfrieds Tod und Trauermarsch als „das vielleicht schönste Stück Musik, das ich jemals gehört habe“. Kurz, nach sechzehn Stunden langem „Leiden“: „Es ist grandios.“ Nach Petkovićs Evaluation darf man also beruhigt sein: Mag auch der berühmte Komponist und Dirigent Pierre Boulez schon 1967 im Spiegel gefordert haben, alle Opernhäuser in die Luft zu sprengen – dass dies demnächst geschieht, scheint ziemlich unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich. ■

Klapperndes Handwerk

12. November   Naturbelassen, so wie das Kochen, betrieb Günter Grass das Schreiben. Textverarbeitender Computertechnik verweigerte er sich, stets handschriftlich – wie Thomas Mann – setzte er vom Beginn seiner Karriere an seine teils sehr umfänglichen Werke auf. Dann erst tippte er sie auf einer Reiseschreibmaschine der Marke Olivetti ab. Als er begriff, dass mit dem Siegeszug des digitalen PC das von ihm bevorzugte, von Fall zu Fall nachgekaufte Modell „Lettera 22“ bald auslaufen würde, hamsterte er für den Rest seines Autorendaseins die letzten Exemplare – ein Bekenntnis zur Schriftstellerei als analogem Handwerk. Das alles scheint schon lange her und liegt doch gerade mal ein paar Jahre zurück. 2015, mit 87 Jahren, starb der Nobelpreisträger von 1999, ungefähr zu der Zeit, als die letzte mechanische Schreibmaschine auf Erden produziert wurde. Die Angaben schwanken: Verließ sie 2011 die Fertigungshallen eines indischen Herstellers? Oder wurde sie doch erst in Grass’ Todesjahr in Shanghai zusammengeschraubt? Umso eindeutiger lässt sich der historische Ursprung aller Modelle datieren: Den Prototyp präsentierte der Tiroler Peter Mitterhofer 1866 dem kaiserlichen Hof in Wien. Aus Holz, wohlgemerkt, hatte der gelernte Dorfzimmermann ihn fabriziert. Vor zwei Tagen erinnerte eine Sendung des Deutschlandfunks daran, dass Klappern auch zum Handwerk des Schreibens gehört. Das der Schreibmaschine, einst nervtötend, entbehren Akustik-Nostalgiker heute so schmerzlich wie etwa das wirre Rauschen aus dem Radiolautsprecher während der Suche nach einem passenden Sender oder das Kreischen der Kreide auf der Schultafel. Optischen Spezialitäten aus den Walzen- und Hebelwerken wendet sich zurzeit das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen in Berlin zu, wo Typewritings von Ruth Wolf-Rehfeldt zu sehen sind. Zwischen 1972 und 1989 schuf die heute 90-jährige Berliner Künstlerin, die in diesem Jahr den angesehenen Hannah-Höch-Preis erhält, eine beeindruckende Reihe von Grafiken, deren Motive sie mittels der unterschiedlichen Lettern von Schreibmaschinen artistisch zusammenpixelte und also zwischen Poesie und Bildkunst changieren lässt. Das Günter-Grass-Haus in Lübeck zeigt die lindgrüne Olivetti-Maschine, auf der die Reinschrift seines Romans „Die Rättin“ entstand. Seit 2017 beherbergt das Heinz-Nixdorf-Museumsforum in Paderborn, das größte Computermuseum der Welt, eine vom Schriftsteller sogar signierte Olivetti „Lettera 22“ in derselben Farbe. Aus den Büros sind Schreibmaschinen längst verschwunden, auf Flohmärkten kann man ramponierte, in Antiquitätengeschäften besser erhaltene Exemplare kaufen, Sammlerstücke stehen in öffentlichen Sammlungen. Der vor sechshundert Jahren gelungenen Erfindung des modernen Buchdrucks durch Johannes Gutenberg scheinen sie näherzustehen als dem Komfort moderner Textverarbeitung, die dem Verfasser erlaubt, schon vom ersten krausen Entwurf an sozusagen die Reinschrift seines Dokuments zu bearbeiten. Wer dabei auf den Look der fossilen Olivetti-, Adler- oder Olympiamodelle nicht verzichten mag, kann im Internet Lizenzen für Oldschool-Zeichensätze erwerben, die so schöne Namen tragen wie „Special Elite“ oder „Larabie Font“, „Cuomotype“ oder, nachgerade programmatisch, „Veteran Typewriter“. ■ 


Beängstigend hell

8. November   Sogar einen Hund, ausdrücklich einen Pudel, hat Johann Wolfgang von Goethe in seiner „Faust“-Tragödie vorgesehen. Freilich betritt der Kläffer, wie jeder deutsche Gymnasiast zurzeit noch pflichtgemäß zu lernen hat, statt als Tier als Teufel die Szene: Der nämlich sei, heißt es im ersten Teil der Tragödie, „des Pudels Kern“. Zum Kerngeschäft der Bühnen gehört die Tierhaltung freilich nicht, was gleichwohl wiederum nicht ausschließt, dass auch andere animalische Spezies als der Mensch sich auf ihnen tummeln, und gar nicht mal so selten. In Zeiten vertiefter Sorge ums Tierwohl erheben denn auch gern Zeitgenossinnen und -genossen mahnend die Stimmen, um, gewiss zu Recht, nach den Möglichkeiten artgerechter Unterbringung zwischen den Kulissen zu fragen. So bekamen es die Verwaltungsgerichte in der Hauptstadt und Brandenburg dieser Tage mit Beschwerden von einschlägig sensibilisierten Besuchern der Berliner Staatsoper zu tun; sie hatten dort im Rahmen der Neuinszenierung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ durch Dimitri Tscherniakow die beiden ersten Teile, „Das Rheingold“ und „Die Walküre“, gesehen und dabei an gestapelten Käfigen Anstoß genommen, in denen lebendige Kaninchen und Meerschweinchen zugange waren. Gerade diese Arten aber, warnte die Tierrechtsorganisation Peta, nähmen durch Stress leicht an der Gesundheit Schaden; überhaupt seien „Tiere nicht auf der Welt, um einem beängstigenden Szenario aus lauter Musik und hellem Licht ausgesetzt und als Zuschauerattraktion beliebig hin und her transportiert zu werden". Umgekehrt können Theaterleute auf lange Traditionen von Tieren auf der Bühne verweisen, die aus den Spielstätten noch lange keine Zoos haben werden lassen. Wie in einer Art Labor aber kann es durchaus zugehen: Unterm Titel „Balthazar“ ließ der Performance-Künstler David Weber-Krebs 2013 und 2014 in Brüssel, Hamburg und Amsterdam Menschen und einen – nicht eigens trainierten – Esel gemäß einer festgelegten Dramaturgie interagieren; den theoretischen Unterbau für das „künstlerische Forschungsprojekt“ schuf Dr. Maximilan Haas von der Berliner Universität der Künste, der es danach in einer wissenschaftlichen Monografie auch ausgiebig dokumentierte. Als vor vielen Jahren im Theater Hof bei Gelegenheit des Westernmusicals „Oklahoma!“ ein Darsteller auf einem leibhaftigen Ross auf die Bühne ritt, schrieb niemand ein Buch darüber; immerhin erhob der Rezensent der örtlichen Zeitung Einspruch, wenngleich nicht aus tierschützerischen, sondern künstlerischen Gründen. Solche erwogen bereits lange vor ihm weitaus erleuchtetere Geister. So musste es Goethe 1817 als Intendant des Weimarer Hoftheaters erdulden, dass gegen seinen Willen die - dem amtierenden Großherzog Carl August auch anderweitig gefällige - Schauspielerin Caroline Jagemann die Aufführung des seinerzeit beliebten Spektakels „Der Hund des Aubry“ von René Charles Guilbert de Pixérécourt durchsetzte. Der Dichter, Kötern so wenig zugetan wie Kritikern („Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent!“), ertrug nicht, dass in dem Dreiakter ein dressierter Pudel die Hauptrolle spielen würde. Hilflos gegen die diabolischen Machtmittel der zur Frau von Heygendorff geadelten Fürsten-Konkubine, legte er die Theaterdirektion protestierend nieder. Nach 26 Jahren? Bloß wegen einer Töle? Da liegt der Hund begraben: Auch auf der Bühne steckt der Teufel meistens im Detail. ■


Püree-Protestler

1. November   Auf drei Wegen findet Kunst in die Weltgeschichte des Verbrechens. Zum ersten, und vor allem, durch illegale Kopien oder Imitate. Zum andern fühlen sich Diebe angezogen: Als berüchtigtster Coup gilt hier die zweijährige Entführung der „Mona Lisa“ aus dem Pariser Louvre im August 1911; seit vielen Jahren zählt Kunstraub, neben dem Drogen- und dem Waffenhandel, zu den lukrativsten Optionen, das Gesetz zu brechen. Zum dritten schlägt der Vandalismus in der Statistik gehörig zu Buche. Derlei Attacken können sich sowohl punktuell ereignen als auch weiträumig: im Zug von ausgreifenden Bilderstürmen, wie während der Reformationszeit; auf Befehl von Tyrannen, wie bei der Vernichtung „entarteter Kunst“ durch die Nationalsozialisten; im Verlauf von Konflikten, wie von 2015 bis 2017, als Fanatiker des „Islamischen Staats“ das syrische Weltkulturerbe Palmyra zerstörten. Aus der Ukraine kommen zurzeit ähnliche Schreckensmeldungen: Seit die russische Armee das Land mit Putins barbarischem Angriffskrieg überzieht, seien dort bei Kämpfen oder durch Direktangriffe etwa vierhundert Museen geplündert oder ruiniert worden, desgleichen 270 Gotteshäuser und Monumente, mahnte unlängst der Internationale Museumsrat. „Was die Besatzer tun, ist Entukrainisierung. Sie wollen alles vernichten, was in der Ukraine von der Ukraine zeugt“, klagte Serhij Zhadan, seit vorvergangenem Sonntag Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, in einem Facebook-Video. Die Unesco, so versicherte inzwischen Maria Böhmer als Präsidentin der deutschen Kommission, sieht die Lage dort kaum weniger dramatisch. Wo Ikonoklasmus – wie das Fachwort für dergleichen Frevel lautet – Kunst in Trümmer legt, in Fetzen reißt oder zu Asche verbrennt, ist immer die Ausschaltung einer eigenständigen Kultur, mithin die Eliminierung eines Identitätsgefühls das Ziel. Immer? Im Potsdamer Museum Barberini klebten sich kürzlich zwei Klimaschützer der Gruppe „Letzte Generation“ neben einem der „Getreideschober“-Bilder Claude Monets fest; zuvor hatten sie das Gemälde des französischen Impressionisten beschmiert – „mit einer zähflüssigen Substanz“ von unbestimmter Schädlichkeit, wie eine Sprecherin zunächst mitteilte, mit harmlosem Kartoffelbrei, wie die Aktivisten schließlich versicherten. Ein paar Tage zuvor, in Londons Nationalgalerie, hatten zwei junge Damen mit wildentschlossenen Gesichtern, unter der auf ihre T-Shirts gedruckten Devise „Just stop Oil“, ein Sonnenblumenbild Vincent van Goghs mit Tomatensauce aus zwei Dosen begossen, bevor sie sich gleichfalls mit Sekundenkleber an der Wand verankerten. Beide Bilder ruhen sicher hinter Glas. Um Zerstörung ging es den Püree-Protestlern und Tomaten-Terroristen auch gar nicht, vielmehr, im Gegenteil, um Bewahrung: um die Erhaltung einer lebensfähigen Umwelt durch ein Ende der Erderwärmung. Fragwürdig die Mittel, zweifellos; aber geheiligt werden sie doch irgendwie durch den nicht weniger unzweifelhaften ‚guten Zweck‘, dem sie im Interesse der Menschheit dienen sollen. Die verschütteten Lebensmittel haben vielleicht der grassierenden Gleichgültigkeit, doch sicher nicht den Bildern Schaden zugefügt. In den Museen und der Politik gibt man sich, zu Recht natürlich, hellauf empört. Kollegen in der Ukraine oder Syrien aber winken höchstwahrscheinlich bitter ab: Wenn ihr sonst keine Probleme habt … ■


Vierzig fehlen

24. Oktober   Totgesagt wird das Kino seit der Erfindung des Fernsehens. Bekanntlich blieb es trotzdem am Leben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Kino, als öffentliches Ereignis wie als Schauplatz, dem Theater mindestens so nahesteht wie die beliebig daheim konsumierbare Television. Allerdings galt dies nur ‚bis Corona‘. Schon im Juni 2020 – als in vielen noch die Hoffnung blühte, von einer zweiten, dritten und weiteren Wellen verschont zu bleiben – begannen sowohl kleine Häuser als auch große Ketten, sich ernstlich um ihre Existenz zu sorgen. Bereits damals gab es Gründe, zu befürchten, auch ‚nach Corona‘ würden die Filmfreunde lieber zu Hause schauen. Und so kam es. Zwar öffnen Lichtspiel-, wie Theater- und Konzerthäuser, ihre Tore zurzeit uneingeschränkt; gleichwohl bekräftigte Christine Berg, die Vorsitzende des Kinoverbands HDF Kino, die Filmwelt im Lande dürfe sich mit dem aktuellen Zuspruch keineswegs begnügen: „Sechzig Prozent der Besucher sind zurück“, sagte sie im Juli dem Redaktions-Netzwerk Deutschland, „an den letzten vierzig Prozent müssen wir noch arbeiten.“ Vom morgigen Dienstag an laden die Internationalen Filmtage zum 56. Mal nach Hof ein, wo sich das Team um Thorsten Schaumann ausdrücklich hoffnungsvoll zeigt, strömten doch 2021 zehntausend Gäste in die Säle des Central- und des Scala-Kinos, obwohl die nur zur Hälfte belegt werden durften. Auch blieb die Zahl der Premieren konstant; und nicht zuletzt bewährte sich neuerlich die Online-Nebenschiene: ein imponierendes Streaming-Programm und, wichtiger noch, das Angebot, fast alle Filme während des Festivals und weitere sieben Tage lang via Internet abrufen zu können. Da muss einem, angesichts der sich womöglich doch entspannenden Pandemie-Lage, für die Neuauflage nicht arg bange sein: In etwa 250 Vorführungen werden ungefähr 130 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme zu sehen sein, vielfach von Regisseuren und Produzentinnen selbst präsentiert, im Fall der deutschsprachigen Produktionen, denen in Hof stets das Hauptinteresse gilt, oft in Anwesenheit von Hauptdarstellerinnen und -darstellern. So viel Ehrgeiz, Unermüdlich- und Unerschrockenheit wie im beschaulichen Home Of Films“ kann und sollte die Branche insgesamt ermutigen, und wirklich hat sie, wie es scheint, zumindest auf den Festivals der Großen wie der Kleinen, der Generalisten wie der Spezialisten wenig Anlass zur Klage. Am 8. Oktober ging das Filmfest Hamburg zu Ende, dessen über hundert Filme 41.500 Menschen sehen wollten und das heuer zudem das bedeutendste ukrainische Festival, Molodist aus Kiew, zu Gast hatte. Sogar 137.000 Besucher warens binnen elf Tagen bis zum 2. Oktober beim achtzehnten Zurich Film Festival – Rekord. Mit bescheidenen 1500 Besuchern waren die Organisatoren der am 15. Oktober beschlossenen neunzehnten „Provinziale“ in Eberswalde zufrieden: immerhin ein Zuwachs. Am gestrigen Sonntag endeten sowohl das namhafte Tegernseer Bergfilm-Festival als auch das winzige, lateinamerikanische „Mira“-Festival in Bonn-Beuel. Noch bis zum Mittwoch zeigt das „Queer-Streifen-Festival“ in Regensburg schwule, lesbische und eben queere Streifen. Also alles in Ordnung? Vielleicht auch nicht. Eine aktuelle „Tacho“-Onlinegrafik von Opinary weist Ernüchterndes aus. Die Berliner Meinungsforscher wollten wissen: „Werden Kinos in der Zukunft aussterben?“ An die Option „Nein, das Kinoerlebnis bleibt unersetzlich“ glaubt leider nicht mal mehr die Hälfte der Befragten. ■

Rosa Sterne

20. Oktober   Wer von uns kennt nicht wenigstens einen ausgemachten Holzkopf? Wem treibt nicht schon mal ein Granitschädel durch seine Borniertheit die Zornesröte ins Gesicht? Wer ist noch nicht gegen die Ignoranz eines Betonkopfs wie gegen eine Wand gelaufen? Wem bleibt die Erfahrung erspart, dass sich eine Matschbirne nicht für Geld und gute Worte zur Vernunft bringen lässt? Und wie gern gäben wir dem einen oder anderen Torfkopf unter uns eins auf die Rübe! Glaubt man dem Redensarten-Reservoir unserer Sprache, so kann ein menschliches Haupt aus sehr unterschiedlichen Substanzen bestehen. Mit Edelsteinen und -metallen hingegen bringen wir es kaum je in Verbindung. Dergleichen blieb dem Briten Damien Hirst vorbehalten: Vor fünfzehn Jahren machte der Künstler von sich reden, als er einen alten echten Schädel in Platin abgoss und die sündteure Kopie mit 8601 Diamanten erster Güte überzog. „For the Love of God“ heißt das stark umstrittene, schon deshalb vielbesprochene Kunstwerk, das angeblich noch im Entstehungsjahr für hundert Millionen Dollar einen Käufer fand; heuer räumte sein Schöpfer ein, es in Wahrheit immer für sich behalten zu haben. Der Titel des Artefakts geht auf eine englische Redensart zurück, die unserem deutschen „Um Himmels willen“ entspricht. Und ebenjener, der gestirnte Himmel über uns, beweist, dass uns selbst 8601 lupenreine Karfunkel, vom galaktischen Blickpunkt aus, nicht beeindrucken müssen. Teilte doch 2012 ein amerikanisch-deutsches Astronomenteam mit, ganz in der Nähe, nur viertausend Lichtjahre von uns entfernt, in der Milchstraße einen Planeten aufgespürt zu haben, der größtenteils aus Diamant besteht, mithin aus nichts Edlerem als extrem verdichtetem Kohlenstoff. Einst war der Himmelskörper ein Stern gewesen; seine Explosion als Supernova hat aber nur jener äußerst massereiche Kern überstanden. Der Versuch, den irdischen Materialwert der kosmischen Ruine von der halben Größe des Jupiters hochzurechnen, wäre müßig, aber reizvoll – zumal wir als Grundlage den Erlös hernehmen dürften, den vor einigen Tagen bei einer Auktion in Hongkong der 11,15 Karat schwere „Williamson Pink Star“ erbrachte: Seine eher leichtgewichtigen 2,23 Gramm waren einem schwerreichen Käufer aus Florida etwa 59 Millionen Euro wert. Die astronomische Wertschätzung verdankt der Klunker nicht zuletzt seinem seltenen Kolorit: Wie der Name sagt, schimmert er wie ein „rosa Stern“. Ein Namensvetter – allerdings mehr als fünf Mal so groß – war 2013 sogar für knapp 84,3 Millionen Euro gut. Muss, wer solchen Preis zahlt, ein Holzkopf, eine Matschbirne sein? In Blumenform zierte der "Williamson Jonquil pink Diamond", eine Brosche in Blumenform aus den unbezahlbaren britischen Kronjuwelen, gelegentlich die royalen Outfits der Queen Elizabeth. Desgleichen prunkt ein Brillant in der Luxusfarbe auf Damien Hirsts Glitzerschädel, noch dazu auffällig auf der Stirn. Aber auch Normalsterbliche mit durchschnittlichem Einkommen begegnen „Pink Stars“ in mancherlei Gestalt: Ein Hersteller von Schuhen und Handtaschen nennt sich so, eine Esoterikerin namens Rosa Stern schwurbelt vier Taschenbücher lang über die angeblichen Weissagungen des Nostradamus, Pflanzenfreunde können im Zimmer ein Aronstabgewächs der Gattung Aglaonema, im Garten eine Tulpe ziehen, beide unter besagter Bezeichnung. Und am Firmament verstrahlt ein Gasnebel von verblüffender Form das einschlägig gefärbte Himmelslicht eines Sternhaufens: wie eine Rose im Kosmos. ■


Kunst? Muss nicht sein

15. Oktober     Schüsse fallen nicht. In Kürze aber wird ein Panzer nahe der Botschaft Russlands in Berlin vorfahren. Genauer: Er wird vorgefahren werden. Denn das demolierte russische Kettenfahrzeug hat im Ukrainekrieg selbst reichlich Schüsse abbekommen. Menschen fanden den Tod darin. Auch aus diesem – moralisch bedenkenswerten – Grund hatte das Bezirksamt Mitte im Juni das Kunstprojekt des Museums „Berlin Story Bunker“ zunächst verboten, zumal es sich, wie das Amt meinte, auch gar nicht um Kunst handle. Dieser Tage indes ließ das Verwaltungsgericht die Aktion zu: Zwei Wochen lang dürfe das vierzig Tonnen schwere Kriegsgerät in einer Absperrung stehen. Als Mahnung zum Pazifismus ist solch ein Vorhaben grundgesetzlich durch die hierzulande (nicht aber in Russland) geltende Meinungsfreiheit geschützt. Um Kunst, so das Gericht, müsse es sich dabei gar nicht handeln. Werden demnächst tschechische Panzer auch durch Kaliningrad rasseln? Könnte passieren – wenn man dem Internet glaubt: Freudetrunken teilt eine bunte Website mit, 97,9 Prozent der Bevölkerung im weiland ostpreußischen Königsberg hätten dafür gestimmt, dass Tschechien die russische Exklave zwischen Polen und Litauen annektiere und in Královec umbenenne. 600 Kilometer Luftlinie, mindestens 920 Autokilometer liegt das Territorium von Prag entfernt, dennoch knattert auf dem Majak, einem Aussichtsturm und Wahrzeichen der Stadt, die Fahne der tschechischen Republik verwegen im Wind, und im Hafen liegt wehrhaft deren Flugzeugträger „Karel Gott“ vor Anker, wie Fotos belegen. Gefakte Fotos: Denn natürlich ist all das Satire. Zu den dafür verantwortlichen Aktivisten gehört der Historiker Michal Stehlik, der Russlands Macht-Eliten als Inspirationsquelle lobt: „Sie haben uns durch ihren kreativen Umgang mit Geschichte inspiriert.“ Wie inspiriert Kunst mit dem Thema Krieg umgeht, und zwar in allem Ernst, das machen derweil Exponate von Albrecht Dürer bis Gerhard Richter im schweizerischen Winterthur sichtbar. Bis zum 12. Februar zeigt das dortige Kunstmuseum, in einer Schau der Sammlung „Reinhart am Stadtgarten“, freilich keine heroischen Glorifikationen von Sieg und Unbesiegbarkeit im Dienst nationalistischer Propaganda, vielmehr das Gegenteil: zum Beispiel die berühmten Grafiken des Spaniers Francisco de Goya über die „Schrecken des Krieges“, oder die Blätter des Franzosen Jacques Callot über „Elend und Unglück des Kriegs“. „Los Desastres de la Guerra“, „Les Misères et les Malheurs de la Guerre“: Zu Recht bezeichnet das Museum Serien wie diese als „Meilensteine und Wendepunkte“ in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem furchterregend unvermeidlichen Thema. Vielfach verhaltener, aber gleichfalls in meist kleinen Formaten haben ukrainische Illustratorinnen und Illustratoren buchstäblich auf–gezeichnet, was sie seit dem 24. Februar in ihrem von Russlands Imperialismus heimgesuchten Land erleben und empfinden. In dem Band „Bilder gegen den Krieg“, den das Berliner Stadtmagazin Tip im Schaltzeit-Verlag veröffentlichte, findet sich neben vielen anderen ein Blatt von Anya Sarwira: Vor schwarzem Grund hält eine Faust ein Kreuz hoch, an dem eine verendete weiße Taube mit Stricken in Weiß-Blau-Rot festgebunden ist, den Farben der russischen Flagge, mit einem eingeschnittenen blutroten „Z“ auf der Brust, dem Schrecksymbol auf Putins angreifenden Panzern. Propaganda? Mag sein, aber eine für den Frieden. Und Kunst? Auf jeden Fall. ■


Nichts Neues

27. September   Als am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, war der „Untergang des Abendlandes“ in seiner alten, aus dem verlängerten neunzehnten Jahrhundert überkommenen Gestalt besiegelt. Oswald Spengler, Verfasser der berühmten kulturhistorischen Studie unter jenem schlagwortartigen Titel, deklarierte um 1920 das unheilvolle Datum zum „größten Tag der Weltgeschichte“. Solch absurd frenetischer Auffassung widersprach neun Jahre später der vom Krieg traumatisierte Journalist Erich Maria Remarque in seinem Bestseller „Im Westen nichts Neues“. Mit reportageartiger Schonungslosigkeit rollt er darin die Entsetzlichkeiten des menschenverschlingenden Stellungskriegs auf. Schon im Jahr darauf kam Lewis Milestones Verfilmung in die US-Kinos, ein weiteres Jahr später (und um drei Viertelstunden gekürzt) auch in die deutschen. Joseph Goebbels, bald darauf der plärrende „Reichspropagandaminister“ Adolf Hitlers, leitete völkische Schlägertrupps zu Krawallaktionen in den Lichtspielhäusern an. Als Remarques Roman noch 1933, im Jahr der braunen „Machtergreifung“, auf den Scheiterhaufen der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen landete, konnte ihm selbst das nicht den Garaus machen; im Gegenteil. Derart geadelt, steht er heute im Ruf, eine der Inkunabeln des „Kriegsbuchs“ zu sein – schlechthin das Antikriegsbuch in deutscher Sprache. Zwei Oscars heimste Milestones Leinwandversion von 1930 ein. Heuer ist „Im Westen nichts Neues“ neuerlich für einen Academy Award, nämlich den Auslands-Oscar, nominiert – in der von Edward Berger inszenierten deutschen Adaption, die, nach der Uraufführung am 12. September beim Toronto International Filmfestival, ab Donnerstag in ausgewählten Kinos in Berlin und Hamburg, Stuttgart und Gauting gezeigt wird, bevor Netflix sie vom 28. Oktober an seiner Klientel online offeriert. Aber sagt „ein Bild“, also der Film, wirklich mehr als viele tausend Wörter? Am 24. Februar, Wladimir Putins „großem Tag“, an dem er die Ukraine überfallen ließ, mussten auch die Deutschen einsehen, dass Krieg sich sogar in Europa als anthropologische Konstante hartnäckig behauptet: „nichts Neues“. Wer darüber erschrak, wird auch über Remarques Roman und andere pazifistische „Kriegsbücher“ erschrecken, deren Lektüre freilich eben darum gerade jetzt wieder lohnt: etwa über Arnold Zweigs ab 1926 erschienenen sechsbändigen Zyklus über den „Großen Krieg der weißen Männer“, oder über Edlef Köppens „Heeresbericht“ von 1930, der rund um die Erlebnisse seines soldatischen Antihelden zahllose Originaltöne aus „großer Zeit“ montiert, kommentiert und konterkariert. Als der populäre Heimatromancier Ludwig Ganghofer 1915 an die Front reiste, fiel ihm dort „immer ein fernes Pfeifen in der Luft“ auf; „von der Tiefe des Feldhanges klingt ein lustiges Knallen herauf, als ständen da drunten die Schießstätten des Münchner Oktoberfestes.“ Das Völkergemetzel als Volksbelustigung: ein Mords-Spaß. Karl Kraus, legendärer Wiener Publizist und zwischen 1915 und 1922 Verfasser eines galligen, achthundert Druckseiten starken Dramas über „Die letzten Tage der Menschheit“, mahnte hingegen: „Kriegsmüde hat man zu sein nicht nachdem, sondern ehe man den Krieg begonnen hat.“ Die Bücher von Remarque, Zweig, Köppen und manch anderen können einen im krausschen Sinne müde machen, indem sie einen hellwach halten. Also wohl doch lieber Originalliteratur als Verfilmungen: Ein guter Roman sagt mehr als tausend Bilder. ■


Zeichen und Wunder

24. September   Das Wort Geheimnis hat einen magischen Klang, der das Interesse anstachelt, zur Neugier verführt, mit Wunderbarem rechnen lässt. Die Sache selbst freilich, das Insgeheime, Verdeckte und Verschlossene, kann einem auch gehörig schaden. Zwar sind brisante Inhalte, die im Internet von einem Server zum andern wechseln, verschlüsselt unterwegs, sodass Unbefugte sie nicht auslesen und missbrauchen können. Im Gegenzug indes entwickeln Online-Schurken raffinierte ransomware, Schadprogramme, mit der sie die Daten eines gekaperten Rechners unkenntlich machen, um sie erst gegen Zahlung eines Lösegelds wieder freizugeben. Zweifellos ein Akt hoher krimineller Energie; faszinierend aber ist sie schon, die Möglichkeit, eine Schrift, mit der wir unsere Ideen und Informationen aufbewahren und mitteilen, zur Geheimschrift zu verfremden, mit der sich nur mehr eine verschworene Gemeinschaft Auserwählter über Klammheimliches, Konspiratives, Kryptisches verständigt. Kryptografie heißt denn auch die Kunst, solche Zeichensysteme zu erschaffen oder ins Allgemeinverständliche zurückzuführen. Der US-amerikanische Dichter Edgar Allan Poe behauptete 1839 öffentlich, er sei in der Lage, alle monoalphabetischen Geheim- oder (wie er es nannte) „Hieroglyphenschriften“ zu knacken, alle also, „bei denen anstelle von Buchstaben des Alphabets jede Art von Zeichen willkürlich verwendet wird“. Vier Jahre später führte in Poes Erzählung „Der Goldkäfer“ der fiktive Meisterkryptologe Legrand seine Methode der – eher simplen – Häufigkeitsanalyse beispielhaft am Code auf einer Schatzkarte vor. Seit etwa sechstausend Jahren kennt die Menschheit Schriften; nicht viel weniger alt sind Dokumente aus dem alten Ägypten, auf denen Priester religiöses Geheimwissen verschlüsselten. Dabei galt das um 2700 vor Christus entstandene, für dreitausend Jahre unveränderte Schriftsystem des Reichs am Nil selbst als schier unlösbares Geheimnis – bis zum 27. September 1822. Am kommenden Dienstag vor zweihundert Jahren wurde publik, was Experten sofort für ein Wunder hielten: Der erst 31-jährige französische Sprachforscher Jean-François Champollion teilte der Académie française mit, ihm sei die Entzifferung der vermeintlichen Bilderschrift gelungen. Die gar keine ist, wie er als Erster durchschaut hatte, sondern (mit seinen Worten) „ein komplexes System, bildhaft, symbolisch und fonetisch zugleich, und zwar in ein und demselben Text, ein und demselben Satz, sogar in ein und demselben Wort“. Hatte er doch die alten Siglen als Symbole teils für komplette Nomen und Verben, teils für  einzelne Laute, teils als stumme Signale erkannt. Aufklären konnte er das uralte Rätsel, weil 1799 während Napoleons Ägyptenfeldzug ein Offiziere nahe der Hafenstadt Rosetta, dem heutigen Rashid, eine Basaltplatte mit dreierlei Aufschreibungen gefunden hatte: sowohl in Hieroglyphen als auch in einer Art ägyptischer Schreibschrift, zudem in griechischen Lettern. Bereits 1814 ahnte der Brite Thomas Young, es könne sich beim Inhalt des (196 vor Christus gemeißelten) pierre de Rosette um immer dasselbe königliche Dekret handeln. Darauf aufbauend, gelangen Champollion, der mit erst zwanzig schon Professor für Ägyptologie in Grenoble gewesen war, in jahrelanger Knobelarbeit schließlich die entscheidenden Aufschlüsse. An den computergenerierten Codes von heute hätten sich allerdings auch er und Young, Poe und dessen Superhirn Legrand die Zähne ausgebissen.  ■


Sechs Farben

17. September   Die berühmten „Quadrate“ des russischen Malers Kasimir Malewitsch sind das Gegenteil zum Teletext: das „Schwarze Quadrat“ von 1915, erst recht das zwei Jahre jüngere „Weiße Quadrat auf weißem Grund“. Unumwunden verraten die Titel solcher radikal gegenstandslosen Konzeptionen das Wenige, was auf ihnen zu erblicken (und das Viele, das in sie hineinzuinterpretieren) ist. Der Künstler selbst nannte sie „die nackte[n] Ikone[n] meiner Zeit“. Hundert Jahre später sah der Wiener Kurier darin den „absoluten Nullpunkt“ der Kunst erreicht, was nicht abschätzig gemeint war. Aktuell erlaubt eine eigentümlich verwandte Kunstdarbietung noch ein paar Tage lang, Malewitschs die Moderne prägenden Schöpfungen sehr zeitgemäß zu deuten: als ein aufs Riesenformat von knapp achtzig mal achtzig Zentimetern vergrößertes Pixel. „Teletext ist Kunst“: So selbstbewusst heißt seit Monatsanfang eine im medialen Raum des Bildschirms gezeigte Schau, für deren Präsentation sich ARD Text und ORF Teletext sowie die Künstlerkollektive FixC und TeleNFT zusammengeschlossen haben. Noch bis zum kommenden Mittwoch wollen, angeführt von dem Deutschen Max Haarich und Gleb Divov aus Litauen als Kuratoren, fünfzehn Künstlerinnen und Künstler vornehmlich aus Deutschland nachweisen, dass sich auch innerhalb des extrem beschränkten televisionären Teletext-Rasters veritable Bildkunst komponieren lässt: aus nur 78 mal 69 Pixeln in nur sechs Farben zuzüglich Schwarz und Weiß. Auf insgesamt 67 Arbeiten lässt sich Abstraktes und Gegenständliches, Ironisches und Irritierendes mal staunend, mal kopfschüttelnd betrachten. Unüberschaubar das potenzielle Publikum: Allein in Deutschland nutzen täglich zehn Millionen Menschen den mehr als vierzig Jahre alten, technisch fast unveränderten, mithin angeblich aus der Zeit gefallenen Service der Öffentlich-Rechtlichen. Sogar erwerben kann man die Exponate – als NFT. Eine künstlerische Online-Datei nennt man so, die zwar von jedermann eingesehen und downgeloadet werden kann, aber dank eines Zertifikats dem Käufer als Eigentum eindeutig zugewiesen ist. Zahllose kleine Glieder, planmäßig so angeordnet, dass sie für Auge und Sinn eine bildhafte oder grafische Einheit ergeben: Die Idee ist fast so alt wie die Kunst. In Mosaiken bleibt sie Jahrtausende hindurch erhalten, im Pointillismus des fin de siècle, etwa bei Georges Seurat, avancierte sie zur malerischen Methode, als Puzzle hilft sie dem Müßigen, die Zeit totzuschlagen, über die Stickrahmen der Mütter und Großmütter fand sie als Kreuzstich Eingang in die häusliche Handarbeit – und ist so auch wieder in der Teletext-Ausstellung, durch ein Werk von Mario Klingemann alias Quasimondo vertreten. Zum unentbehrlichen Informationsträger und Kommunikationsmittel in der Logistik brachte es der quadratische, schwarz-weiß gepixelte und darum elektronisch blitzschnell lesbare QR-Code. Einen solchen offeriert in der digitalen Schau der Kölner Bloom Jr. all jenen, die nicht nur die vom Teletext bereitgestellten vier, sondern sämtliche Versionen seines Opus „8Monroe“ besichtigen wollen. All diese Darstellungen, aus Kleinstelementen planvoll zusammengesetzt, bestätigen die Erkenntnis des Aristoteles, es sei das Ganze stets mehr als bloß die Summe seiner Einzelteile. Nur für Malewitschs „Quadrate“ scheint dies nicht zu gelten: In ihnen fallen Teil und Ganzes in eins. ■