Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Vor Wunderknaben wird gewarnt

  • Im Kino: „Tausend Zeilen“ (Deutschland 2022, Regie: Michael Herbig, 93 Minuten)


Von Michael Thumser

4. Oktober – Die „Hitler-Tagebücher“ waren vorgestern. Gestern war der Fälschungsskandal, den der um die Welt rasende Reporter Claas Relotius auslöste und der also auch schon wieder sechs lange Jahre zurückliegt. Zur Erinnerung: Ende 2018 flog der gebürtige Hamburger, Jahrgang 1985 und seit seinem 27. Lebensjahr Empfänger von – am Ende neunzehn – bedeutenden nationalen und internationalen Branchenpreisen, als das Schlimmste auf, was jemand in seinem Beruf sein kann: als Lügner. In etlichen Zeitungen und Zeitschriften – von der Financial Times Deutschland bis zur Zeit – und hauptsächlich im Spiegel hatte er Reportagen, Interviews, Porträts veröffentlicht, die hinten oder vorn nicht stimmten oder der Wahrheit überhaupt in nichts entsprachen. 

     Als Wunderknabe hatte er sich feiern lassen und war von seinen Führungsredakteuren nur allzu gern und werbewirksam als solcher gefeiert worden: als junge, ja sympathisch jungenhafte Lichtgestalt am zwielichtigen Himmel eines brisant aktuellen, global investigativen, theatralisch aufdeckenden Journalismus von der vordersten Front. Dann stellte sich plötzlich, wenngleich nicht völlig überraschend heraus: Der Finder der heißesten Storys ever war oft genug ihr Erfinder gewesen; in anderen Fällen hatte er selbstherrlich, -sicher und -verliebt hinzufabuliert, was an knalligen-knackigen Details gerade fehlte; oder weggelassen, was seinen Absichten zuwiderlief.

     Zur Erinnerung an diese jüngste erdbebende Spiegel-Affäre hat Michael „Bully“ Herbig sie wendig und teils virtuos ins Unterhaltungsfilmformat gegossen. Oder eigentlich nicht die Fakten um den Faktenfälscher selbst, sondern das 2019 erschienene Buch „Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno, dem immer skeptischeren Kollegen des immer erfolgverwöhnteren Fantasten. Moreno hat Relotius seine Schandtaten schließlich nachgewiesen; allerdings tat ers wohl so, dass er sich seither selbst ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt sieht wie der Betrüger. Auch wars Herbig bei seiner einigermaßen freien Leinwandadaption nicht (nur) um Erinnerung zu tun; er ging ans Werk, weil ihm, dem Komiker und Komödienspezialisten („Der Schuh des Manitu“, „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“), die vielen Implikationen des Närrischen, Zynischen, lachhaft Hochnotpeinlichen in dem Stoff nicht entgingen. Der barg eine Sprengkraft, kaum geringer als jene in des „Führers“ angeblichen, 1983 aufgetauchten Privatnotizen, aus denen Helmut Dietl den Kinoplot für sein satirisches Meisterwerk „Schtonk!“ destillierte – unverwüstlich, unvergesslich.

Schwindelerregende Schwindeleien

So wie Relotius die Wirklichkeit manipulierte und korrigierte, so etwa tun es Michael Herbig und sein Drehbuchautor Hermann Florin in „Tausend Zeilen“ auch: freilich nicht um zu lügen, sondern um eine mitreißende, so lustige wie die lustvolle Empörung schürende Fiktion über einen Meister der Fiktionen zu erfinden. Bei ihnen heißt der schwindelerregend schwindelnde Lügenbeutel Bogenius, aus Moreno wurde Romero. Letzterer darf bei Elyas M’Barek dauerhektisch im ungepflegten Proletarierlook als fortwährend zurückgesetzter, böswillig missverstandener Retter des Realitätsbezugs am Ende Recht und den Kopf oben behalten, den ihn seine Vorwürfe gegen das Hätschelkind der Chronik- (alias Spiegel-)Redaktion fast gekostet hätten. Zu Hause wird er von Frau (hübsch) und Töchtern (süß) innig geliebt und liebt innig zurück, nur ist er kaum zu Hause und gedanklich noch seltener bei den Seinen; was in eine kurze, indes leicht entschärfte Familienkrise führt. 

Weit größer die existenzielle Gefahr, die ihm in der Chronik-Zwingburg droht. „Europas größtes Nachrichtenmagazin“: ein Haifischbecken. Anfeuernd aufs Wasser schlagen dort schmierige, narzisstische, opportunistische Ressort- und Redaktionsleiter (Michael Maertens, Jörg Hartmann). Wie auf einen kakerlakigen Störenfried schauen sie auf Romero herunter, von dem sie sich, halb unbelehrbar, halb aus Bequemlichkeit, den Glauben an ihren spießerhaft blässlichen, aber adretten, vor allem auflagesteigernden Star (Jonas Nay) nicht nehmen lassen wollen. So erinnern sie an die vergleichbar betriebsblinden, 1992 in Dietls „Schtonk!“ von den Herren Benrath und Lause, Mühe und Juhnke mit noch mehr sarkastischer Ironie verkörperten Führungskräfte der „HHpress“, soll heißen: des Sterns.

Alles, was der Chef verlangt

Immer auf der Jagd nach dem nächsten Scoop und endlich erwischt und überführt, macht Begonius geltend, nur getan zu haben, was seitens der Chefetage von ihm „verlangt“ war: „langweilige Fakten in eine spannende Dramaturgie“ zu bringen. Darin ist ihm Regisseur Herbig, mit nicht eben langweiligen Tatsachen, gelehrig gefolgt. Filmisch originell, durch Dichte und Tempo fesselnd, erfinderisch in der Handlungsführung (nur nicht am Schluss) und von Torsten Breuers Kamera vielfältig, auch überraschend illuminiert, weisen die „Tausend Zeilen“ dreierlei nach. Zum einen: Vor Wunderknaben sei gewarnt, in jedem Fall. Zum andern: „Geschichten zu erfinden, ist“, wie Romero alias M’Barek zugibt, „was Wunderbares; es hat nur nichts im Journalismus zu suchen.“ 

Und schließlich: Claas Relotius, der Medien-Scharlatan und abenteuernde Münchhausen einer hier mehr, da weniger seriösen Presse – er ist ersichtlich mit Fantasie gesegnet, einer blühend immergrünen, schrankenlosen, und erzählen kann er, bestechend gut. Welche Gaben für einen Autor! Es hätte was werden können aus ihm: alles Mögliche; allemal mehr als ein schaumschlagender Schreiberling; sogar ein großer Journalist.