Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Frauen sind nichts für Feiglinge

  • Im Kino: „Caveman“, Deutschland 2023, Regie: Laura Lackmann, 100 Minuten)


Von Michael Thumser

31. Januar – So war das in der Steinzeit: Der Mann, im Tierfell, mit Dreadlocks und wildem Bart, den Speer in der wuchtigen, fellbewachsenen Hand, zog aus, um nährstoffreiche Mammuts zu erlegen, während die Frau brav in der Höhle blieb, die Blagen hütete, ins Feuer blies und sich gelegentlich aufmachte, um im Nahbereich Beeren und Kräuter einzusammeln und nach Wurzeln zu graben.

     So war das eben nicht. Seit einiger Zeit schon weiß die Forschung recht genau, wie auch Steinzeitdamen, risikobereit, durchtrainiert und waffentauglich, sich unter die Jäger ihrer Sippe mischten. Das Beispiel zeigt, dass schon mal ganze Geschichtsepochen Gefahr laufen, zum Opfer wohlfeiler Klischees zu werden. Ein weiteres ist, vermutlich seit Urmenschengedenken, das notorisch prekäre Verhältnis zwischen Männern und Frauen. In „Caveman“ macht sich Regisseurin Laura Lackmann daran, es amüsant zu parodieren und seine halbgebildeten Krawall-Multiplikatoren aus der deutschen Comedyszene à la Mario Barth gleich mit.

     Ein Comedian ist der lachhafte Held ihrer Komödie auch; einer, der in seinem Brotberuf als Autoverkäufer als Null gilt, aber als Komiker gern die Nummer eins wäre. Schlimm, dass Rob nicht mal zum „Witzeerzähler“ taugt und als idealer Gatte schon gar nicht durchgeht. Wie ein transusiger, komfortverwöhnter Caveman, Höhlenmensch, verplempert er auf der Couch die Zeit, während seine Claudia, gesuchte Physiotherapeutin einer Eishockeymannschaft, das Haushaltsgeld von draußen ins gepflegte Reihen-Eigenheim bringt. In urweltlichen Urwald-Visionen stößt ihm ein ‚echter‘ Caveman – Verkörperung aller zottigen Jäger-versus-Sammlerinnen-Stereotype – gutgelaunt Bescheid über vermeintlich oder tatsächlich zeitlose Grundmuster des Zusammenlebens in Partnerschaft und Horde.

Die Chemie der Liebe, gestört

Derart vorbereitet und in die Irre geführt, schießt Rob seinen größten Bock: Ohne Programm versucht sich der komische Vogel als Komiker auf einer Talentbühne vor wenig wohlmeinendem Publikum – ein trauriger „Witzeerzähler“, hat ihm doch unmittelbar vor seinem Debütauftritt die Gattin schnaubend den Rücken gekehrt. Am Boden zerstört, holt der Verlassene aus, den Leuten vom Gift zu erzählen, das „die Chemie der Liebe“ im verflixten siebten Jahr gestört hat, und über sich selbst und seine Geschlechtsgenossen den Stab zu brechen: Allesamt, bekennt er schließlich, seien sie bornierte „Vollidioten“ und müssten, ständen die Frauen ihnen nicht mit weitherziger Geduld und weitsichtiger Klugheit zur Seite, verhungern und vergehen.

     Als burleske Szenen einer gutbürgerlichen, schlecht ausbalancierten Ehe schreibt Laura Lackmanns „Caveman“ den gleichnamigen, gut dreißigjährigen internationalen Bühnenhit des US-Witzbolds Rob Becker um und weiter. Bei einem platten Star-Vehikel hätte es die Regisseurin belassen können, denn eine Schar einheimischer Berühmtheiten aus Film und Fernsehen bietet sie auf: Moritz Bleibtreu als knuffigen Rob mit wenig Lust, erwachsen zu werden; die Hofer Filmpreisträgerin Laura Tonke als blondierte Claudia, gehüllt in eine Duftwolke luxuriöser, gleichwohl langmütiger Mondänität; Wotan Wilke Möhring als flippigen App-Programmierer, ganze Arsenale von Machosprüchen herunterschnoddernd; Martina Hill als ganzkörpergetapte Besserwisserin mit Lebenshilfesprech …

In aller Einfalt

Für spaßig flotte Schauspielerei garantiert solch verlässliche Riege von Routiniers: Lustvoll lassen sie sich die oft funkelnd formulierten, treffsicher pointierten Texte und deren unwiderlegliche Erkenntnisse („Eine Erektion ist kein Wachstum der Persönlichkeit“) auf spitzen Zungen zergehen. Dabei eint sie die Einsicht, dass Partnerinnen von ihren Partnern außer Respekt und Verehrung ein Quantum Grundfurcht verlangen dürfen: „Frauen sind nichts für Feiglinge.“

     Ein auch visuell trick- und wendungsreiches, mehr leicht- als tiefsinniges, aber ganz und gar nicht dämliches Vergnügen; mit reichlich Ironie formuliert es fast so etwas wie eine feministische Position aus der Sicht eines vernagelten Mackers in all seiner Einfalt. Leider mag es Rob sich nicht verkneifen, die Moral von der Geschicht – als jeder Zuschauer und erst recht alle Zuschauerinnen sie längst begriffen haben – zum peinlichen Ende noch bußfertig herzuplappern. Doch auch dies gehört wohl seit steinzeitlichen Höhlentagen zur Dussligkeit der Vollidioten: mit dem letzten Wort noch was zu sagen, das alles kaputtzumachen droht, wo doch vorher (fast) alles (ziemlich) gut war.



Der Geist in der Flasche

  • Im Kino: „Operation Fortune“, (USA 2022, Regie: Guy Ritchie, 114 Minuten)


Von Michael Thumser

14. Januar – Mit zwei Begriffen operiert dieser Film, mit einem englischen, den wohl jeder Zuschauende leicht übersetzt, und einem französischen, der weniger geläufig sein dürfte. „Operation Fortune: Ruse de Guerre“ heißt Guy Ritchies neuer Film im Original, wobei die erste Hälfte des Titels auf seine Hauptfigur verweist, auf Orson Fortune. Sein Nachname bedeutet vorderhand Lebensglück, aber auch Reichtum; und überdies Dusel, also sowohl das Glück des Gelingens als auch das Schwein, das einer gerade nochmal hat, kurz bevor seine Operation schiefgeht.

     All das trifft auf Orson Fortune zu, den Jason Statham gewohnt hart, smart und cool und mit der unbedingten Bereitschaft spielt, fast jeden außer sich selbst zu opfern. Gut schaut Orson aus, stabil wie ein Baum ist er gebaut und gerissen wie ein Fuchs. Als „freischaffender Spezialagent“ verdient er Einsatz für Einsatz ein Vermögen und kehrt von jedem, so mörderisch er auch verlief, unbeschädigt zurück. Sehr schätzt ihn darum der britische Geheimdienst MI6 und kommt, wenn auch zähneknirschend, für alle seine Luxuswünsche auf. Diesmal beauftragt er ihn, einen internationalen Verbrecherdeal zu vereiteln, dummerweise ohne zunächst auch nur zu ahnen, welcherart „Geist in der Flasche“ da verhökert werden soll. Als Vermittler des die Weltgeldwirtschaft tödlich gefährdenden Geheimgeschäfts agiert Greg Simmonds, der Orsons Vermögensverhältnisse um ein Vielfaches toppt und eigentlich keine noch so hohe Ganovenprovision mehr nötig hätte. Viel mehr interessiert sich der Multimilliardär für Promis, die er, um sich mit ihnen zu brüsten, seiner Corona einverleibt. Als Orson ihm bei einer Glamourparty heuchlerisch den Actionfilmhelden Danny Francesco (Josh Hartnett) vorstellt, reagiert Simmonds erwartungsgemäß gierig: So mutiert der Hollywoodstar zum Trojanischen Pferd.

Computermaus und Schützenkönig

Das meint der zweite, französische Begriff, mit dem der Streifen hausieren gehen: ruse de guerre – die Kriegslist. Die muss Orson obendrein auf einen unliebsamen Agentenkollegen ausdehnen, der ihm mit eigensüchtigen Absichten immer brutaler in die Quere kommt. Derart an zwei Fronten operierend, kann er sich, zum Glück, auf die perfektionistische Unterstützung durch eine unanständig sinnliche Computermaus und einen hundertprozentig treffsicheren Schützenkönig (Aubrey Plaza, Bugzy Malone) verlassen.

     Kämpfe unter Supermännern: Natürlich bewährt sich Jason Statham bei allerlei Prügeleien und Metzeleien einmal mehr unbezwinglich als tiefenentspannter Haudrauf. Nicht minder vitale Duelle aber werden mit Worten ausgetragen: Das Drehbuch hielt zynisch zugespitzte bis geschliffene, gelegentlich gepfefferte Dialoge für alle Beteiligten bereit, namentlich – und very british – für Orson und seinen Gegenspieler Simmonds. Zwar verfolgt der seine Interessen mit einem Einsatz an Material, Mitteln und Methoden, wie er einem Schurken der „007“-Reihe würdig wäre. Doch Regisseur Richie nutzt die Figur in seinem schick, wenn auch weitgehend konventionell inszenierten Thriller-Lustspiel für eine ruse de guerre der dramaturgischen Art: Diesem Bösewicht in Gestalt des grandios gealterten Hugh Grant will man nicht böse sein; kaum verbirgt sein Gesicht unter einer Bronzemaske aus Schminke und Puder die Falten charakterbildender Lebenserfahrung. Kupferfarben schimmert von Grants lächelnden Zügen der eloquente Charme eines charismatischen Schmierlappens.

     Er kann gar nicht anders als herzig sein. Für den Teufelspart des Widersachers im nächsten „007“-Abenteuer empfiehlt er sich mit dieser Gabe freilich nicht. Indes – Bond, James Bond ist tot, es lebe James Bond: vielleicht mit Statham, Jason Statham als künftigem Weltenretter mit der „Lizenz zum Töten“? Dank seiner Fortune dürfte er jedweden Geist, der die Menschheit bedroht, in der Flasche bannen, in die er gehört.


Zittern, vor Angst, vor Wut

  • Im Kino: „She said“, (USA 2022, Regie: Maria Schrader, 129 Minuten)


Von Michael Thumser

10. Januar – Das Beste an diesem guten Film ist, dass das Schlimmste nicht zu sehen ist. An die hundert Frauen, mindestens, hat Harvey Weinstein aufs Selbstherrlichste und Demütigendste manipuliert, gemobbt, bedrängt, begrapscht, vergewaltigt. Nichts davon zeigt Maria Schrader in „She said“ und tut gut daran, über die Opfer den Mantel der Schonung zu decken, der nicht der Mantel des Schweigens ist.

     Für seine horrenden Verbrechen sitzt der einstige Hollywood-Mogul, endlich, im Gefängnis, für 23 Jahre, mindestens; denn weitere Prozesse gegen ihn stehen an. Und er ist kein Einzelfall. Seit eh und je „systemisch“ sei der Sexismus in der Filmbranche der Vereinigten Staaten wie auch in anderen Ländern, eine geschlossene „Lieferkette“ versorge prominente, wenn nicht schier allmächtige Gewalttäter der Branche meist straflos mit immer neuen jungen Frauen – und Männern –, deren Erniedrigung sich durch das „Opfer-Shaming“, das kaltlächelnde Triumphgeheul der präpotenten Täter, sich erst eigentlich vollende: Entsetzlich und abstoßend breitet sich die schmierige Wirklichkeit, die sich hinter den Filmset-Kulissen verbirgt, vor den Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor aus. Wie aber sollen sie Belege sammeln, wie hieb- und stichfeste Beweise liefern für die menschenverachtenden Gräueltaten eines tyrannischen Serienschänders, der zu den unantastbaren Potentaten eines milliardenschweren Unterhaltungsindustriekomplexes zählt. Denn die Opfer schweigen, gebrochen und traumatisiert, „zitternd vor Wut“, aber auch „vor Angst“.

Ein Scheusal, außer Gefecht gesetzt

Ohne Triumphgeheul, aber mit gerechter Genugtuung setzten die Investigativ-Reporterinnen der New York Times das Scheusal außer Gefecht. Schrader und ihre Aktricen vollziehen nach, wie das gelang: dank geduldiger wie mutiger Recherchen, dank reichlich Empathie und detektivischer Klugheit, dank der robusten Rückendeckung der Redaktion und eines den Skandal offenbarenden, Namen nennenden Artikels vom 5. Oktober 2017. Von all dem erzählt die deutsche Schauspielerin und Regisseurin mit Tugenden, die denen der Hauptfiguren ähnlich sehen. Die Inszenierung nimmt sich Zeit (und fordert auch von den Zuschauenden einen einigermaßen langen Atem). Nirgends blendet sie mit dem Schick und Glamour, den New York als Schauplatz nun mal wohlfeil bietet. Nichts fügte sie ein, was geeignet wäre, latenten Voyeurismus oder schlummernde Sensationsgier auch nur für Augenblicke zu wecken. Akribisch stellt sie vielmehr nach, was wie und wo geschah, bis hin zu den Hotelfluren (wenngleich nicht zu den Hotelzimmern), zu den nachgebauten Wohnungen der Reporterinnen, den Kopien ihrer Eheringe. Glänzend zwar sind die Protagonistinnen besetzt, aber nicht mit Hochglanz-Beautés, sondern mit kraftvoll-natürlich agierenden Schauspielerinnen: der Amerikanerin Zoe Kazan und ihrer englischen Kollegin Carey Mulligan. Auch diese Wahl gehört zum Besten an diesem wirklich guten Film.

    Selbstverständlich bezog sich die britische Autorin Rebecca Lenkiewicz mit ihrem im besten Sinn sachlichen Skript eng auf das Buch, dass die Investigatorinnen zwei Jahre nach Weinsteins Demaskierung veröffentlicht haben und das „She said“ heißt, so wie jetzt Maria Schraders Film. Aber sie bezog in die dort dokumentierte Geschichte der Ermittlung auch das Private ein: Als Ehefrauen und Mütter sind Kantor und Twohey kennenzulernen, freilich ohne anbiedernde Werbung um Sympathie und ohne Feier der angeblich heilen US-Familie; auch ohne strahlendes Superheldinnentum. Beider Vorzüge sind Ehrlich- und Geradlinigkeit, Klarheit und ein Fleiß, der es allerdings mit sich bringt, dass sie während ihrer Nachforschungen keine „Zeit für normale Menschen“ mehr finden. Zu besonderen Menschen werden durch ihr Interesse und Verständnis die Frauen, die sich „jung und verängstigt“ dem hybriden Hollywood- und selbst ernannten Sexgott „unterwerfen“, ihm „uneingeschränkt zur Verfügung stehen“ sollten – und es, eingeschüchtert in ihrer Heillosigkeit, in allzu vielen Fällen taten; wollten sie doch nicht riskieren, sich im Handumdrehen und ein für alle Mal kraft seines Befehls aus allem ausgestoßen zu sehen, was irgendwie mit Film zu tun hat.

Startpunkt für metoo

Was Maria Schraders Film nicht erzählt und ruhig verschweigen darf: wies weiterging – mit Harvey Weinstein (abwärts) und der von Kantor und Twohey ausgelösten Me-too-Bewegung (aufwärts). Unerwähnt bleibt desgleichen der Pulitzerpreis, der 2018 beider Wühlarbeit angemessen krönte. Ihn durften 1973 auch Bob Woodward und Carl Bernstein entgegennehmen, nachdem sie durch Artikel in der Washington Post den Watergate-Skandal aufgedeckt und US-Präsident Richard Nixon als Hauptverantwortlichen entlarvt hatten. An Alan J. Pakulas mitreißende Verfilmung ihrer Enthüllungsgeschichte von 1976 erinnert Maria Schraders Film gewiss nicht zufällig, schon durch die verwirrende Vielzahl umherfliegender Namen, erst recht durch die besondere, nie stockende Spannung, die sich hier wie dort nicht reißerischem Thrill, sondern umweglosen Dialogen und der kriminalistisch tiefbohrenden Ausdauer der Presseleute verdankt. Den New Yorkerinnen kommt wie ihren Kollegen aus der Hauptstadt das Verdienst zu, der Wut vor der Angst den Vorzug gegeben zu haben, aber nicht zornzitternd, sondern mit buchhalterischer Hartnäckigkeit, schließlich mit den Belegen und Beweisen für eine nicht tolerierbare Schuld am Ende ihrer Bilanz.



Niemand ist wie alle

  • Im Kino: „Oskars Kleid“, (Deutschland 2020/22, Regie: Hüseyin Tabak, 102 Minuten)


Von Michael Thumser

24. Dezember – Die Hauptdarstellerin heißt Laurì und tritt zum ersten Mal in einem Kinofilm auf. Wahrscheinlich deshalb gibt es so gut wie keine Informationen über ihr richtiges Leben. Gut möglich, dass Laurì ein Trans-Mädchen ist, nur eben fälschlicherweise als Junge zur Welt gekommen. Der Name – Künstlername? – könnte ein Indiz dafür sein: Das Online-Lexikon Wikipedia führt das Stichwort Lauri als „finnischen und estnischen männlichen Vornamen“, der „selten, insbesondere in den USA, auch als weiblicher Vorname auftritt“. Ein Name für einen Menschen zwischen den Geschlechtern.

     Ein Film zwischen den Geschlechtern: In „Oskars Kleid“ spielt Laurì mit radikaler Reserve ein Kind in der Zwickmühle. Es gelangt zu dem Schluss, dass es, im Körper eines Jungen, als Mädchen zur Welt kam. Gerade mal neunjährig, entscheidet es frei, nicht länger Oskar, sondern Lili zu heißen; und nicht nur zu heißen: sondern Lili zu sein. „Oskars“ Kleid steht Lili prima. In einer für den Kinobesucher überraschend einverständigen Umgebung bewahrt sie sich ihre selbstbestimmte Identität – bis sie am Unverständnis des Vaters umso härter anstößt.

„Nur das Beste“

Ben, geschiedener Polizist mit Alkoholproblem, verzehrt sich nach seiner Ex Mira, den Kindern und überhaupt nach der verlorenen Reihenhausfamilie. Florian David Fitz, der auch das vielschichtige Drehbuch schrieb, spielt ihn als schwankendes Rohr im Wind, in der Gefahr, als Loser in Larmoyanz zu versinken. Kein Zweifel, Ben will „nur das Beste“ für den Sohn, der „gestern noch Feuerwehrmann werden“ wollte, ihm nun aber als Tochter entgegentritt, mit fein-weichen Gesichtszügen und schulterlangem Haar, mit lackierten Nägeln und im sommergelben Kleidchen. Ben, der Straßenschlachten mit Steine werfenden Demonstranten und verregnete Räumungsaktionen gegen Umweltaktivisten klaglos durchsteht, ist nicht gewohnt, sich zwischenmenschliche Gedanken zu machen. Nun soll er lernen, etwas hinzunehmen, das er nicht versteht. Es gelingt ihm, wenn auch nicht leicht. Am Ende bekennt er sich ehrlichen Herzens zur Besonderheit jedes Einzelnen: „Niemand ist wie alle.“

     Von den jüngeren deutschen Komödien hebt sich diese wohltuend ab, weil sie, amüsant ersonnener Zwischenfälle ungeachtet, keine Komödie ist, schon gar keine mit Gag-Gepolter und Pointen-Potpourri. Im Gegenteil, so brenzlig geht es in ihr zu, dass die immer bedrängtere Lili sich irgendwann davonstiehlt: nicht um wegzulaufen, sondern um zu „verschwinden“. Untrennbar verbindet Hüseyin Tabaks umstandslose Inszenierung die Entwicklungslinien von Vater und Tochter in einer Geschichte, die diskret und vielschichtig erzählend beide Figuren gleichermaßen ernst nimmt.

„Auch Gott macht Fehler“

„Das Problem“, muss sich Ben von einem Psychologen sagen lassen, „sind immer die Eltern.“ Wirklich bläht sich Ben kurz als homophober Macho auf. Doch bald und immer deutlicher lässt Fitz Unsicherheit und Geborgenheitsverlust, Verletzlichkeit und nicht verheilte Verletzungen des konsternierten Kotzbrockens spüren. Lili will von ihm geliebt werden, wie sie als Oskar geliebt wurde. Dabei vermeidet Laurì jede siebengescheite Attitüde und großspurige Belehrung; wenn sie Lilis umstrittene Rolle entfaltet und aufrechterhält, so nicht präpubertär altklug, sondern vor der Zeit gereift. Sie wägt ihre Worte; sie spricht nicht viel, freilich ohne verschlossen zu sein. Was sie, gerade wortlos, am stärksten bekundet, ist ein imponierender Mut.

     Dass es immer schwierig sei, „etwas Besonderes“ zu sein, wird einmal gesagt. Beiläufig macht sich ein Umstand geltend, der Ben seinerseits, seine aufgeschlossene Mutter und den bornierten Vater (Senta Berger, Burghart Klaußner) von den meisten ihrer Nebenmenschen unterscheidet: Sie sind jüdisch. In der Synagoge sucht Lili zwar nicht beim Allmächtigen, aber bei einem weisen Rabbi Rat: „Auch Gott macht Fehler“, erfährt sie von ihm, „und er macht sie absichtlich.“ Um nicht von „Fehlern“ zu sprechen, lässt sich von Mutationen sprechen: Dass sich dem bislang Üblichen und Gewohnten etwas Anderes, Verändertes quer in den Weg stellt und sich behauptet – das ist in der Biologie der Motor der Evolution; der Motor des gesellschaftlichen Fortschritts ist es genauso. Niemand ist wie alle. Jeder ist anders. Alle sind einzig.



Kein Kaffee, keine Kinder

  • Im Kino: „Einfach mal was Schönes“ (Deutschland 2022, Regie: Karoline Herfurth, 116 Minuten)


Von Michael Thumser

29. November – Karla im Pech: Sie kriegt einfach nicht, was sie sich wünscht. Dem von ihr moderierten Nachtradio hört kaum jemand zu, mit der Familienplanung – Hauptsache Nachwuchs, egal ob mit Partner oder ohne – will es nicht klappen, und sogar der Getränkeautomat verweigert ihr den Dienst: „Kein Kaffee, keine Kinder.“ Karla ist 38 und ahnt, dass die biologische Uhr kaum noch lauter ticken kann. Entsprechend verbissen fällt ihre Fahndung nach dem Mann fürs Leben oder den nächsten Lebensabschnitt aus: Einen „Harald mit Analproblem“ hat sie ausprobiert, einen „Querdenker“ sogar, und das erste, durchaus lustvolle Date mit einem schlammverkrusteten Extremhindernisläufer endet schlagartig, als mal eben seine Gattin anruft. Also „zu spät für Romantik“? Muss es die ganz große Liebe sein? Schon eine kleine würde vielleicht reichen.

     „Karla, gib alles!“, hat der survival runner an der Kletterwand ihr zugerufen – und damit, ohne es zu wissen und zu wollen, den dissonanten Grundton ihres Lebens angeschlagen. Karla ist für andere da und bleibt an Bord, auch wenn die anderen das sinkende Familienschiff verlassen. Tapfer erträgt sie den Dauersuff der geschiedenen Mama, hartnäckig versucht sie, zwischen ihren Schwestern zu vermitteln, der dauerdeprimierten Jule, einer verbitterten Ehefrau und Dreifachmutter, und der dauertränenseligen Johanna, einer IT-Expertin, die hohl wie ein It-Girl scheint. Karla gibt alles und kommt selbst zu kurz.

     Mithin hat „Einfach mal was Schönes“ das Zeug zur Tragikomödie. Gut so. Zwanghafte Aufgeschrecktheit, gesuchte Skurrilität, märchenhafte Final-Überzuckerung, von denen deutsche Durchschnittsklamotten im Gefolge US-amerikanischer Romantik-Komödien meistens aus der Kurve getragen werden – sie hat Karoline Herfurth ihrem Film erspart oder als ironisches Zitat und spöttische Zutat untergeschoben. Ihr zweiter Film in diesem Jahr: Anfang Februar – wenngleich gut zwei Jahre zuvor abgedreht – kam höchst erfolgreich das Ensemble- und Episodenstück „Wunderschön“ heraus (siehe ho-f/Film und Fernsehen 2022/8. März). Frauen, die ihr Leben erst eigentlich gewinnen, indem sie es selbstbestimmt bestreiten, hat die Künstlerin als ihr Thema ausgewählt, wofür sie erprobten Gestaltungsmustern treu bleibt. Auch für „Einfach mal was Schönes“ versammelte die Regisseurin, die zugleich als Hauptdarstellerin agiert, eine differenziert aufspielende Damenriege um sich.

Schöne Schreckschraube

Wieder schildert sie Frauen an unterschiedlichen sozialen Orten, in divergenten Gemütslagen, aus verschiedenen Altersklassen. Die Rolle der attraktiven, doch durch Alterung herabgestimmten Mutter, die in „Wunderschön“ Martina Gedeck oblag, hat jetzt Ulrike Kriener, nicht minder grandios als morsches Fundament einer explosiven Familienaufstellung: eine schöne, mithilfe von reichlich Kosmetik und Alkohol wohlkonservierte Schreckschraube, die sich durch Selbstmitleid und Unselbstständigkeit als arme Wurst offenbart – ein Klotz an Karlas Bein.

     Die anderen Klötze, ihre Schwestern, machen durch Nora Tschirners famose Freudlosigkeit und Milena Tscharntkes hyperventilierende Hysterie je eigene, lähmende Gewichte geltend: Inmitten einer solchen Sippschaft, „in der alles eskaliert“, droht Karla, die zunehmend Ratlose, vollends bewegungslos zu werden. Immerhin quert Krankenpfleger Ole ihren Weg: Aaron Altaras, der leider die Hälfte seines Texts vernuschelt, lässt sympathisch eine verhaltene Verliebtheit aufblühen. Vielleicht hilft er ihr auf die Sprünge: aus dem Teufelskreis heraus. Wäre er nur nicht zehn Jahre jünger als sie …

Den richtigen Knopf drücken

Auch das Prinzip des Episodischen, das in „Wunderschön“ die Form bestimmte, übernahm Karoline Herfurth in die neue Produktion, die indes, statt neuerlich mehreren parallelen Erzählsträngen, nun einem einheitlichen roten Faden folgt. Dass der in den ersten fünfzig Minuten durch Unschlüssigkeiten und Redundanzen in der Dramaturgie durchhängt, verhinderte die Regisseurin nicht. Was freilich wiederum dem Wesen ihrer Figur entspricht: Verächtlich wird Karla von den anderen bezichtigt, sie kriege ihr Leben „nicht auf die Kette“. Dabei sorgt gerade sie dafür, eine blutreiche Fehlgeburt der seitenspringenden Johanna zu verheimlichen, und opfert überhaupt jede Menge Mühen, damit die Bindung zu den anderen und zwischen ihnen nicht zerreißt.

     Das stärkste Glied der Kette ist sie selbst. Da kann sie sich, in einem Augenblick der Schwäche, von einem sanften Mann wie Ole schon mal helfen lassen: Am Automaten weiß er für sie den rechten Knopf zu drücken, damit der Kaffee fließt.



56. Internationale Hofer Filmtage
Anfänge, die am Ende stehen
„Der Zeuge“ (Deutschland 2021, Regie: Bernd Michael Lade, 93 Minuten)

Carl Schrade (Bernd Michael Lade, vorne rechts) vor den Angeklagten und ihrem Verteidiger (stehend): Absurde Schutzbehauptungen, Verharmlosungen und Bekenntnisse. (Fotos: Filmtage/Verleih)


Von Michael Thumser

30. Oktober – Bernd Michael Lade nimmt sich Zeit, und an Ehrgeiz mangelts ihm nicht. Seit fast vierzig Jahren zieht sich das ‚Werkverzeichnis‘ des bekannten Schauspielers immer unüberschaubarer in die Länge. Zwischendurch führte er selbst Regie, wenn auch nur drei Mal, immer mit etlichen Jahren Abstand und jedes Mal mit einer explizit unkonventionellen Art, eine Geschichte zu erzählen.

Bernd Michael Lade, Regisseur und Hauptdarsteller: "Ein Tanz der Folter"

     So eigenwillig will der Regisseur Lade sein, dass nicht leicht herauszufinden ist, was er in seinen Filmen will. In „Null Uhr 12“, seiner zweiten Eigenarbeit – mit der er 2001 beim Hofer Festival debütierte –, ließ er überbetont im Unklaren, ob der Anfang des Films in Wahrheit nicht das Ende der Geschichte ist; oder umgekehrt der Abschluss ein Beginn; oder beides zusammen der Mittelpunkt in einem Labyrinth. Vierzehn Jahre später dachte er sich mit „Das Geständnis“ in die Gemüter von Mordermittlern im letzten Jahr der DDR hinein, wo es Kriminalität offiziell nicht gab – neuerlich eine ausgefallene Idee, deren vorderhand originelle Umsetzung zunehmend unter der Last bemühter erzählerischer und visueller Vertracktheiten litt. Nicht, dass Lade, der gewiefte Darsteller und Hauptakteur auch seiner eigenen Filme, als Regisseur nichts könnte; nur will er zu viel, was das auch sei.

     Auch Carl Schrade, den Zeugen in „Der Zeuge“, spielt der 57-Jährige selbst. Für die Anklage eines von US-amerikanischen Militärjuristen anberaumten Kriegsverbrecherprozesses sagt er Ungeheuerliches aus, das er als Insasse mehrerer KZ in Hitlerdeutschland binnen elf Haftjahren qualvoll erlitten und nur mit knapper Not überlebt hat. Statt in der einschüchternden Erhabenheit eines Gerichtssaals platziert Lade die Verhandlung zwischen den schrundigen Mauern eines schäbigen Kellers oder einer abgenutzten Werkhalle. Dort nehmen die stummen Uniformierten auf der Richterbank die Schreckensberichte Schrades stählern-unbewegten Blickes entgegen, während eine Dolmetscherin unter den aufgezählten Entsetzlichkeiten, die sie zu übersetzen hat, weinend zusammenbricht.

Maria Simon als Dolmetscherein der US-Army: „Viele kleine Mördereien“

     Als „endloses Labyrinth“ schildert Schrade mit beherrschter Bitterkeit den „Tanz der Folter“, die Prügelexzesse und Torturen, bei denen die Gestapo- und SS-Wachleute ihren geilen Sadismus befriedigten, auch die „vielen kleinen Mördereien“, die sich die Schergen als Verdienste auf dem Konto ihrer Soldatenehre gutschrieben. Die Angeklagten identifiziert der Zeuge ohne zu zögern, indem er sie bei den Nummern nennt, die sie statt Namen tragen. Hingegen versuchen die Beschuldigten, sich als angeblich Unbeteiligte heraus- oder ihre Rollen im Terrorsystem kleinzureden. Bei manchem blitzt noch der alte Stolz auf, einer „Herrenrasse“ anzugehören, und einer rühmt unbelehrt das Grundkonzept des Konzentrationslagers, wo Gepeinigte „wie Tiere arbeiten“, ohne nennenswerte Kosten zu verursachen – betriebswirtschaftlich ein grandioses Geschäftsmodell.

     Wie ein Stück objektiven Dokumentartheaters, stilisiert bis zur Nüchternheit, legt Lades Kammerspiel im Keller schrecklichste Details der Naziherrschaft dar. Hierfür das Muster schuf die „Ermittlung“, das singuläre „Oratorium in elf Gesängen“, in dem der Dramatiker Peter Weiss 1965 die kaum erträgliche Quintessenz aus dem ersten Auschwitz-Prozess in Frankfurt/Main destillierte: ein Bühnentext, der den Leser, die Hörerin nicht einen peinigenden Moment lang aus der Aufmerksamkeit entlässt. Anders bei Lade: Jede Mitteilung Carl Schrades ebenso wie die absurden Schutzbehauptungen, Verharmlosungen und Bekenntnisse der Delinquenten werden sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch vorgetragen. Mag sein, der Regisseur wollte so dem forensischen Rahmen einen stärkeren Anschein von Authentizität verleihen. Als dramaturgischer Grundzug erweist die Manier indes schnell ihre Untauglichkeit: Fortwährend stockend und gehemmt, bleibt das Geschehen in seiner Grundidee stecken und lähmt sich bis zum Überdruss des Betrachtenden selbst, als sollte der Film durch solche Langsamkeit und Gravität so recht zu tieferer Bedeutung finden.

     Wahr und schlimm genug ist die Geschichte auch ohne den zweifelhaften Kniff: als wahre Geschichte. Von Carl Schrade selbst stammt die Vorlage „Elf Jahre“, in der sich der 1896 geborene, 1974 gestorbene Zürcher Kaufmann und Handelsvertreter seine nicht zu bewältigenden Erlebnisse von der traumatisierten Seele schrieb. Nicht über einen Helden ist in dem Erinnerungsbuch zu lesen, vielmehr über einen vorbestraften Dieb und knasterfahrenen Kleinkriminellen, den die Unrechtsjustiz als „Berufsverbrecher“ brandmarkte und, abgeurteilt und im Lager weggesperrt, dem Tod preisgab. Freilich war der Umstand, dass Schrade nicht als unschuldiges Opfer, sondern als Ganove einsaß, beileibe kein Grund, ihm in vier KZ  jedes Bürger-, Menschen- und Lebensrecht abzuerkennen.

     Jene biografischen Hintergründe deutet Lade erst in den letzten Minuten seines Films an. Der könnte von hier aus neues, ein erweitertes Interesse wecken, gewinnt doch der Zeuge nun, über seine Gegenwart als funktionierende Informationsquelle hinaus, plötzlich eine persönliche Vergangenheit hinzu, die farbige Geschichte eines Menschen mit seinen Fehlern und in seiner Fehlbarkeit. Doch Lade macht hier Schluss. Dabei wäre, wo der Film abrupt endet, erst eigentlich ein Anfang.

Das Festival im Internet: hier lang.


56. Internationale Hofer Filmtage
Die Stille nach dem Schuss
„Generation Tochter“ (Deutschland 2022, Regie: Marielle Sjømo Samstad, 106 Minuten)

Alida Stricker, Linda Sixt (rechts): Die ersten Raubzüge noch vor der ersten Zigarette, dem ersten Rausch, dem ersten Sex. (Fotos: Verleih/Filmtage)


Von Michael Thumser

29. Oktober – Der Film damals hieß „Die innere Sicherheit“. Gedreht hatte ihn Christian Petzold, der ihn im Jahr 2000 zum 34. Festival mitbrachte und sechs Jahre später den Filmpreis der Stadt Hof erhielt. Erzählt wird darin die ungewöhnliche Geschichte eines Paares ehemaliger Linksterroristen, das vor fünfzehn Jahren eine Tochter bekam und sich mit ihr seither im Untergrund durchschlägt.

     Der neue Film heißt „Generation Tochter“, so wie das Kollektiv, das ihn produzierte. Dessen meist weibliche Mitglieder waren noch Kinder, als „Die innere Sicherheit“ ins Kino kam. Dass in dem Thriller der Frauen „Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen rein zufällig“ seien, versichern sie im Vorspann. Sind es die Ähnlichkeiten mit Petzolds Drama auch? Die lassen sich zwar nicht ignorieren, doch fallen auch die Unterschiede auf. Und „eine schöne und spannende Geschichte“, die Marielle Sjømo Samstad in einem Interview ankündigte, ist ihr Langfilm-Debüt auf jeden Fall.

Clara hat sich in Aleyna (Bayan Layla, links) verknallt: Eine unmögliche Beziehung und ein Ausweg.

     Eine explizit feministische Geschichte, bekräftigt die dazugehörige Website: Weil Frauen hinter wie vor der Kamera auch hierzulande „strukturell unterrepräsentiert“ seien, käme in diesem Film „auf vier starke, komplexe weibliche Hauptrollen ein männlicher Protagonist“. Und auch der spielt, sei hinzugefügt, über weite Strecken nur unsichtbar mit: als Schreckgestalt in den panischen Köpfen der Frauen.

     Während vieler gehetzter Jahre auf der Flucht ist der einstigen RAF-Terroristin Dagmar ihre Gesundheit abhandengekommen, nicht jedoch ihr Hass auf das „faschistische System“. Auch an ihrer rauen, doppelten Liebe hält sie unbeirrt fest. Die eine gehört Samira, die Dagmars Überzeugungen längst nicht mehr teilt, wenn sie auch weiter loyal zu ihr hält; mit ihrer zweiten Liebe sucht Dagmar ihre Tochter Clara heim, die sie wie eine Wölfin zu beschützen sucht und die gleichzeitig mehr und mehr ihre Sicherheit gefährdet. Denn mit sechzehn Jahren durchschaut das Mädchen allmählich, wie ihre unbehauste Existenz „an tausend Orten“, im Verborgenen und voller Heimlichkeiten, jeder „Normalität“ hohnspricht. Vollends gerät das Leben der Frauen aus den Fugen, als ein korrupter „Bulle“ vom Bundeskriminalamt das Trio aufstöbert und zu einer Serie von Überfällen nötigt. Den nun noch dichteren Kontrollen und barscheren Kommandos der Mutter entwischt Clara in einen Club, wo sie sich Hals über Kopf in Aleyna verknallt; die aber, ohne dass Clara es ahnt, ist die Tochter eines gerade eben ausgeraubten Ladenbesitzers.

     Eine „schöne“ Geschichte? Einmal zeigt sie zwei Generation in einer luftklaren, kühlen Außenszene: Deutschland im Herbst. Auf einem Feld lässt sich die Tochter von der Mutter im Umgang mit einer Pistole unterweisen. Um Gegner unschädlich zu machen, rät Dagmar, müsse Clara auf die Beine feuern. Am Ende freilich geht ein Schuss mitten ins Herz. Den Thriller haben die in Berlin lebende, vor dreißig Jahren in Norwegen geborene Regisseurin und ihre Gefährtinnen zwar nicht neu erfunden. Aber ein ausgewachsenes, sehenswertes Genre-Exemplar aus atmosphärisch ungefälligen, farblich betont unpolierten Bildern gelang Marielle Sjømo Samstad durchaus. Das Repertoire konventioneller Handlungselemente eignete sie sich ambitioniert durch eigene eindrückliche Nuancen an, um über Ausweglosigkeit nachzudenken, über unentrinnbare und unmögliche Beziehungen, über Dominanzen, die sich umkehren.

Marielle Sjømo Samstad, Regisseurin: "Frauen sind hinter wie vor der Kamera strukturell unterrepräsentiert“

     „In herkömmlichen Actionfilmen“, meinte die Regisseurin in besagtem Interview, „findet man oft starke Frauen, aber selten haben sie einen emotionalen Aspekt, der sie zu glaubwürdigen oder ‚echten‘ Charakteren werden lässt.“ Figuren solcher, der ‚echten‘ Art machen sich in „Generation Tochter“ wirkungsvoll geltend. Linda Sixt, die sich als Dagmar die letzten Lebensenergien aus den ruinierten Lungen hustet, schnürt mit steinhartem Gesicht die halbwüchsige Clara immer enger ein und erlebt, wie die sich gegen die Fesseln sträubt, nicht anders als sie sich selber einst gegen die Restriktionen des „Systems“ wehrte. Umso mehr öffnet die bürgerlich gewordene, reif-resignierte Samira (Jillian Anthony) ihr weites, warmes Herz für Clara. Das Mädchen selbst indes, mit Alida Stricker perfekt besetzt und von ihr großartig aus Fügsamkeit und Renitenz, grimmiger Abenteuerlust und Wirklichkeitssinn gemischt, muss erst noch ganz erwachsen werden, auf zweifelhafte Weise: Halb Kind, halb junge Frau, absolviert sie vor der ersten Zigarette, dem ersten Rausch, dem ersten Sex ihre ersten Schwerverbrechen. Die geradlinige Sinnlichkeit und verständnisinnige Vernunft Aleynas (Bayan Layla) kann Clara einen Weg ins Freie weisen; freilich wird sie ihn allein gehen müssen.

     Übrigens kam ein knappes Jahr vor Christian Petzolds „Innerer Sicherheit“ auch Volker Schlöndorff mit einem Drama um RAF-Aussteiger heraus: „Die Stille nach dem Schuss“. Am Ende von „Generation Tochter“ hört man die auch. Sie ist bedrückend.

■ Weitere Vorstellungen: Samstag, Central 5, 22.45 Uhr, Sonntag, Regina, 20.30 Uhr
■ Das Festival im Internet: hier lang.



56. Internationale Hofer Filmtage

Wie man seine Ehre verliert
„Sharaf“ (Deutschland, Tunesien u.a. 2021, Regie: Samir Nasr, 94 Minuten)

Achmed el Munirawi (rechts) als Sharaf: Halb arglos, halb widerstrebend vom Gefängnisdirektor als Spitzel angeworben. (Fotos: Filmtage/Verleih)


Von Michael Thumser

28. Oktober – „Sharaf“ ist ein deutscher Film und zugleich ein sehr exotischer. Samir Nasr, sein Regisseur, kam zwar in der Bundesrepublik zur Welt und studierte auch hier, aber in Libyen und Ägypten ist er aufgewachsen. Irgendwo in Nordafrika spielt „Sharaf“, aber man kann der Handlung hierzulande ungehindert folgen, dank der deutschen Untertitel. Die freilich stoßen selten so wie hier an ihre Grenzen: Denn in der Originalfassung wird in sieben unterschiedlichen arabischen Dialekten gesprochen – eine Nuancierung, die dem deutschen native speaker  verborgen bleiben muss und doch ganz zweifellos bedeutsam ist: Denn als „panarabisches Projekt“ hat der Regisseur, wie er in Hof berichtet – die bewegende, so deprimierende wie erhellende Geschichte konzipiert und nach zehn hindernisreichen Jahren 2021 endlich vollenden können.

Regisseur Samir Nasr verfilmte einen Roman von Sonallah Ibrahim: "Panarabisches Projekt"

     In die Fremde führt sie nicht nur ihres fernen Schauplatzes wegen. Überdies ereignet sie sich in der engen Gegenwelt eines elenden Gefängnisses, wo Menschen – in diesem Fall Männer – ihre „Ehre“ bewahren oder verlieren: ihre Anständig- und Rechtschaffenheit, den begründeten Anspruch auf Wertschätzung.

     Sharaf ist ein schmaler Titelheld, der zum Helden nicht taugt. Immerhin aber hat der junge Mann seine „Ehre“ verteidigt: Als ein Ausländer zudringlich werden wollte, tötete er ihn. In Haft wartet er fortan vergeblich auf einen Anwalt und womöglich auf die Todesstrafe. Und er erlebt die gleiche zerbrochene, verzerrte Wirklichkeit, die draußen herrscht: Auch in den verwahrlosten Zellen, zwischen den schäbigen Mauern und Gittern teilt sich die Gesellschaft in Privilegierte und Habenichtse.

     Sogenannte „Königliche“ verfügen über Mittel und Möglichkeiten, Wächter und Kapos zu bestechen und sich von außen erträglich mit allem Notwendigen versorgen zu lassen; hingegen müssen die besitzlosen „Staatlichen“ den Vorzugshäftlingen dienen und den Knastfraß verdauen. Vom Direktor lässt sich Sharaf halb arglos, halb widerstrebend als Spitzel anwerben. Immer genauer, doch stets passiv durchschaut er das Räderwerk der Korruption, der Ungerechtig- und Unvorhersehbarkeiten und gibt Stück um Stück seine Hoffnungen und Herzenswünsche auf. Seine Mannes-„Ehre“ auch: Für einen zwölffachen Serienmörder, der ihn beschützt und ihm Avancen macht, rasiert er sich schließlich die Beine …

     Ein Film wie aus einem Gulag; und trotzdem einer (fast) ohne Schmerzensschreie und Verzweiflungsgesten: Die Dramaturgie einer desperaten Ruhe legte Regisseur Nasr den Episoden zugrunde. Den Stoff verdankt er einem Roman des renommierten ägyptischen Autors Sonallah Ibrahim. Darin spiegeln sich die verlorenen Illusionen der nach dem „arabischen Frühling“ neuerlich um ihre Freiheitssehnsucht betrogenen Menschen in Nordafrika und dem Nahen Osten. In Samir Nasrs reduzierter, gleichwohl bildstarker Verdichtung bleiben die Reflexe empörender Unterdrückung erhalten, zeichenhaft übersetzt aber in die menschliche und zwischenmenschliche Labilität des Protagonisten.

     Ihn stellt Achmed el Munirawi als einen reinen Toren dar, still, zerbrechlich und gehorsam. Doch die Blauäugigkeit des hoffnungsvollen Sohns aus gutem Haus verwandelt sich zum trüben Blick in eine graue, nicht enden wollende Stagnation. Sharaf erlebt, wie der absurde Fluchtversuch eines Wunderheilers und frommen Fantasten scheitert, er hört, wie ein unschuldig verurteilter Intellektueller, brüllend aus der Zelle seiner Einzelhaft heraus, den Mitgefangenen ihr ehrloses Phlegma vorwirft, das alle Schmach erduldet, er ahnt tatenlos, dass ein anderer junger Häftling seine Rolle als Spitzel übernehmen wird. Die Schergen lachen. Der Aufstand bleibt aus.

■ Weitere Vorstellung: Samstag, Central 5, 12.15 Uhr
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56. Internationale Hofer Filmtage
Hass ist das, was zählt
„Das Recht der Stärkeren“ (Deutschland 2022, Buch und Regie: Sebastian Peterson, 98 Minuten)

Einpeitscherin Helene (Jenny Löffler) bringt ihre bierselige Nazi-Truppe auf Vordermann. (Foto: Filmtage/Verleih)


Von Michael Thumser

27. Oktober – Vor fünf Jahren kam die AfD in den Bundestag. Vor fünf Jahren begann Sebastian Peterson, erschrocken über das fortan auch parlamentarische Erstarken der Neuen Rechten,  mit den Recherchen für „Das Recht der Stärkeren“. Das Ergebnis, das gab er bei der Uraufführung in Hof zu, ist „kein erfreulicher Film“. Was nicht an ihm liegt. Es ist das Thema, was angst und bang macht.

     Mit einer Explosion beginnt und endet die Geschichte: Beide Male geht dieselbe Bombe hoch, dazwischen bewegt sich die Handlung als Erinnerung gleichsam im Kreis. Erzählt wird sie von Jana, die den Sprengsatz, ohne es zu ahnen, im Auto vor ein Kino fährt, wo Medien und Menschentrauben die Galapremiere eines israelischen Films erwarten. Zur Attentäterin wird Jana, ohne es zu wollen, zum Opfer wird sie selbst. Freilich, zu den Tätern zählt sie auch. Gerade volljährig geworden, lässt sie sich von einem Tag in den nächsten treiben, ohne Plan und Ziel, aufgerieben von ihrem Zorn auf alles und alle: auf den alleinerziehenden Vater, den ihre Wut überfordert; auf die Leiterinnen und Leiter der Behindertenwerkstatt, wo sie die Zeit totschlägt, indem sie in sozialen Netzwerken unter falschem Namen fremde Posts manipuliert; die ganze lächerliche Menschheit straft sie mit Verachtung. Jana schreit, stänkert, schlägert: eine Soziopathin? Sie sagt: „Ich bin einfach so.“

     Fern jeder politischen Überzeugung trudelt sie, über den Zufallsumweg eines „Heimatabends“ mit ausländerfeindlichem Wirtshaus-Agitator, im Bierkeller eines neonazistischen „Freundeskreises“ ein. Bei den alkoholseligen Dumpfbacken und deren charismatischer Einpeitscherin hofft Jana Gefährten ihresgleichen zu finden. Als Gastredner schwört ein greiser Hitler-Schwärmer die triste, aber Terror-affine Truppe auf das „Recht der Stärkeren“ ein. Auch Jana findet, nur noch der „Hass auf diese Welt“ sei „das, was zählt“. Freilich braucht, wer solche Freunde hat, bald keine Feinde mehr.

Jana geht in die Luft, in jeder übertragenen Bedeutung und ganz konkret gleich zu Beginn. Am Ende wieder. Die lange Rückblende dazwischen fügt sich samt und sonders aus den Handy-Filmen ihres Videoblogs zusammen. In einem sagt sie einer Psychologin, es mache ihr „Spaß, im Netz eine andere zu sein“. Aber wer ist sie selbst? Und wo steht sie in ihrer schwarz-weißen, vor allem schwarzen Welt, wenn zwischen ganz gut und ganz böse alle Zwischenstufen zu fehlen scheinen? Jana, ein Schrei- und Quälgeist, der vor Einsamkeit schreien könnte und sich aus Orientierungslosigkeit zu Tode quält, ist in ihren ungebrochen subjektiven Posts alles zugleich: einziges Thema und Hauptdarstellerin, Regisseurin und Kommentatorin der Blase, die sie für die Welt hält und die sich von Clip zu Clip immer unentrinnbarer um sie zusammenzieht.

Irina Usova als Jana auf dem Filmplakat: "Es macht Spaß, im Netz eine andere zu sein."

     Mit dem Handy – zumeist am Stick befestigt – hat der Autor und Regisseur, der zugleich als Kameramann fungierte, Janas Geschichte gedreht: als die – auch visuell – stürzenden und sich überstürzenden, das Leben von den Füßen auf den Kopf stellenden Bekenntnisse einer Irritierten und Verwirrten, Verirrten und Irrenden. So konnte Peterson, zum einen, das durch crowdfunding finanzierte Budget extrem niedrig halten. Zum andern (und vor allem) erreichten er und seine famose Protagonistin Irina Usova auf diese Weise eine pausenlose, immer beklemmendere Unmittelbarkeit von selten so erreichter Hautnähe. Sie macht die nicht immer „erfreulichen“ Schauspielleistungen und die Naivität so mancher Episode nicht unsichtbar, jedoch zur Nebensache.

     Alles andere als das sind die eingefügten Originalaufnahmen von AfD-Demos, Gauland-Propaganda und schwarz-weiß-roten Aufmärschen autonomer Nationalisten. „Im Netz, bei Google und Youtube, stößt man schnell auf Extremes“, erzählt Peterson in Hof über seine Recherchen, „und wird dann immer zum Nächstschlimmeren weitergeleitet.“ Schon vor bald 150 Jahren hat die österreichische Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach das angemaßte „Recht des Stärkeren“ als „das größte Unrecht“ angeprangert. Dass es beides ist – Grenzüberschreitung und Verbrechen –, führt Wladimir Putin zurzeit in der Ukraine vor.

■ Weitere Vorstellung: Samstag, Central 4, 12.30 Uhr
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56. Internationale Hofer Filmtage
Die Wahrheit ist flexibel

Zur Eröffnung: „Olaf Jagger“ (Deutschland 2022, Buch und Regie: Heike Fink, 95 Minuten)

Schubert alias Jagger, nach Ähnlichkeiten suchend: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? (Fotos: PR/Verleih)


Von Michael Thumser

26. Oktober – Man kann sich seine Eltern nicht aussuchen. Aber versuchen darf mans mal. Denn womöglich passt einem ja der Name nicht, den „Mutti“ und „Vati“ einem mitgegeben haben. Schubert, zum Beispiel, kann hierzulande jeder und Olaf will vielleicht nicht jeder heißen. Olaf Schubert nennt sich bekanntlich einer der erfolgreichsten Comedians im Lande, der in Wahrheit seit seiner Geburt 1967 in Plauen, Hofs einst deutsch-demokratischer Partner- und Nachbarstadt, Michael Haubold heißt und seinen an sich unspektakulären Künstlernamen zur anerkannten Marke entwickelte. Mit seinem Markenzeichen, der verhaspelten Vollmundigkeit des großspurigen Allesdurchschauers und Welterklärers, behauptet er von sich, nach dem Papst der „zweitwichtigste Bewahrer der Wahrheit“ zu sein. Seine Regisseurin Heike Fink wiederum hat am Dienstag, zum Start der 56. Hofer Filmtage, in einem Rundfunkinterview eingeräumt, sie gehe „elastisch mit der Wahrheit um“.

Olaf Schubert, davon handelt beider Film „Olaf Jagger“, mag nicht länger Olaf Schubert heißen. Denn seit er beim Stöbern in „Vatis“ vermülltem Keller auf alte Tonbänder stieß, nährt er in sich einen fantastischen Verdacht: „Mutti“, vor der Wende Moderatorin des DDR-Jugendradios DT 64, hat 1965 bei einem offiziell erlaubten Westbesuch in Münster das erste Deutschland-Konzert der Rolling Stones besucht, ist dabei deren Frontmann Mick Jagger auch inoffiziell nähergekommen und war einen one-night stand lang mit ihm innigst vereint. Olaf, das leuchtet Schubert spätestens bei der Lektüre von „Muttis“ Stasi-Akte blitzartig ein, muss dann wohl der Sohn des Weltstars sein. Vom Ruhm, denkt er sich, fällt auch für ihn was ab, zudem gilt es, „finanzielle Interessen“ durchzusetzen. Da heißt es: „Keine Zeit verlieren!“

Voll der Rocker

Ein Fake, versteht sich, ist das alles und der Film eine mockumentary. Als mock, unecht, gibt sich die Handlung von Anfang an fröhlich zu erkennen; als documentary, Dokumentarfilm, kommt sie gleichwohl gekonnt daher. Kein Wunder, sammelt doch Heike Fink seit 2003 als Autorin und Regisseurin Erfahrungen in dem zunehmend populären Genre und versteht ihr Handwerk. Hajo Schomerus desgleichen: Der erzählt bei der Hofer Festival-Eröffnung (zu der per Video auch der Comedian zugeschaltet ist) gleichsam noch immer atemlos, er habe mit seiner Kamera dem hibbeligen Humoristen „immer hinterherrennen“ müssen. Der fortwährenden Verfolgungsjagd zwischen Ost-Berlin und Westfalen, den USA und Frankreich verdanken die Bilder ihre scheinauthentisch schicke Wackelei.

Olaf in Frankreich: Lösen sich seine Blütenträume in nichts auf?

Sie zeigen unter anderem auch, wie Olaf Schubert selbst Musik macht: Am Schlagzeug reagiert er seine Ungeduld als fiebriger Familienforscher ab. „Ich war voll der Rocker“, sagt er, „eine Rampensau“ – klar, dass das nicht an „Vatis“, sondern Mick Jaggers Genen liegt. In den gutgelaunten Nonsens sind reichlich Auskünfte von Zeitzeugen und Zeitgenossen eingefügt: Einstige Kämpen der Ostrockszene und Museumsleiter, eine WDR-Redakteurin und eine Familienanwältin, zwei coole Freundinnen, die vor bald sechzig Jahren Groupies waren, sogar ein Sexualtherapeuth – sie alle geben wahrheitsgemäß Erinnerungen und Informationen preis, um irgendwann unmerklich einzuschwenken in die immer absurder erfundene Fiktion. Improvisatorisches Geschick zeigen sie dabei und obendrein Freude an der Spielerei.

Viel mehr als das ist „Olaf Jagger“ nicht, und auch nicht so „flexibel“ wie die Wahrheit. Allmählich erstarrt die hübsche Idee, ausgebreitet in Episoden und Stationen ohne rechte Spannungskurve, und zieht sich gegen Ende in die Länge. Ein satirisches, mithin ein etwas belangvolleres Spiel auf dem drahtseildünnen Grat zwischen Tatsache und Täuschung, Räuberpistole und Realität mag die Regisseurin dem Publikum des ZDF (das den Film koproduzierte) und des Kinos (wo er im 6. April anlaufen soll) nicht zumuten; verwunderlich in einer Epoche von fake news, globalen Verschwörungs-Schwurbeleien und digitalem Lug und Trug. Ein paar komödiantische Andeutungen in dieser Rinchtung hätten dem vergnüglichen, aber rhythmusfreien Spaß gutgetan. Wer freilich den Abspann abwartet, dem wird dann doch noch eine Pointe zuteil, die für Olaf Jagger womöglich alles gut macht und ihm die Einreichung einer Vaterschaftsklage erspart.

■ Weitere Vorstellung: Donnerstag, Scala 3, 22.15 Uhr; Samstag, Scala 3, 17.45 Uhr
■ Das Festival im Internet: hier lang.



Vor Wunderknaben wird gewarnt

  • Im Kino: „Tausend Zeilen“ (Deutschland 2022, Regie: Michael Herbig, 93 Minuten)


Von Michael Thumser

4. Oktober – Die „Hitler-Tagebücher“ waren vorgestern. Gestern war der Fälschungsskandal, den der um die Welt rasende Reporter Claas Relotius auslöste und der also auch schon wieder sechs lange Jahre zurückliegt. Zur Erinnerung: Ende 2018 flog der gebürtige Hamburger, Jahrgang 1985 und seit seinem 27. Lebensjahr Empfänger von – am Ende neunzehn – bedeutenden nationalen und internationalen Branchenpreisen, als das Schlimmste auf, was jemand in seinem Beruf sein kann: als Lügner. In etlichen Zeitungen und Zeitschriften – von der Financial Times Deutschland bis zur Zeit – und hauptsächlich im Spiegel hatte er Reportagen, Interviews, Porträts veröffentlicht, die hinten oder vorn nicht stimmten oder der Wahrheit überhaupt in nichts entsprachen. 

     Als Wunderknabe hatte er sich feiern lassen und war von seinen Führungsredakteuren nur allzu gern und werbewirksam als solcher gefeiert worden: als junge, ja sympathisch jungenhafte Lichtgestalt am zwielichtigen Himmel eines brisant aktuellen, global investigativen, theatralisch aufdeckenden Journalismus von der vordersten Front. Dann stellte sich plötzlich, wenngleich nicht völlig überraschend heraus: Der Finder der heißesten Storys ever war oft genug ihr Erfinder gewesen; in anderen Fällen hatte er selbstherrlich, -sicher und -verliebt hinzufabuliert, was an knalligen-knackigen Details gerade fehlte; oder weggelassen, was seinen Absichten zuwiderlief.

     Zur Erinnerung an diese jüngste erdbebende Spiegel-Affäre hat Michael „Bully“ Herbig sie wendig und teils virtuos ins Unterhaltungsfilmformat gegossen. Oder eigentlich nicht die Fakten um den Faktenfälscher selbst, sondern das 2019 erschienene Buch „Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno, dem immer skeptischeren Kollegen des immer erfolgverwöhnteren Fantasten. Moreno hat Relotius seine Schandtaten schließlich nachgewiesen; allerdings tat ers wohl so, dass er sich seither selbst ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt sieht wie der Betrüger. Auch wars Herbig bei seiner einigermaßen freien Leinwandadaption nicht (nur) um Erinnerung zu tun; er ging ans Werk, weil ihm, dem Komiker und Komödienspezialisten („Der Schuh des Manitu“, „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“), die vielen Implikationen des Närrischen, Zynischen, lachhaft Hochnotpeinlichen in dem Stoff nicht entgingen. Der barg eine Sprengkraft, kaum geringer als jene in des „Führers“ angeblichen, 1983 aufgetauchten Privatnotizen, aus denen Helmut Dietl den Kinoplot für sein satirisches Meisterwerk „Schtonk!“ destillierte – unverwüstlich, unvergesslich.

Schwindelerregende Schwindeleien

So wie Relotius die Wirklichkeit manipulierte und korrigierte, so etwa tun es Michael Herbig und sein Drehbuchautor Hermann Florin in „Tausend Zeilen“ auch: freilich nicht um zu lügen, sondern um eine mitreißende, so lustige wie die lustvolle Empörung schürende Fiktion über einen Meister der Fiktionen zu erfinden. Bei ihnen heißt der schwindelerregend schwindelnde Lügenbeutel Bogenius, aus Moreno wurde Romero. Letzterer darf bei Elyas M’Barek dauerhektisch im ungepflegten Proletarierlook als fortwährend zurückgesetzter, böswillig missverstandener Retter des Realitätsbezugs am Ende Recht und den Kopf oben behalten, den ihn seine Vorwürfe gegen das Hätschelkind der Chronik- (alias Spiegel-)Redaktion fast gekostet hätten. Zu Hause wird er von Frau (hübsch) und Töchtern (süß) innig geliebt und liebt innig zurück, nur ist er kaum zu Hause und gedanklich noch seltener bei den Seinen; was in eine kurze, indes leicht entschärfte Familienkrise führt. 

Weit größer die existenzielle Gefahr, die ihm in der Chronik-Zwingburg droht. „Europas größtes Nachrichtenmagazin“: ein Haifischbecken. Anfeuernd aufs Wasser schlagen dort schmierige, narzisstische, opportunistische Ressort- und Redaktionsleiter (Michael Maertens, Jörg Hartmann). Wie auf einen kakerlakigen Störenfried schauen sie auf Romero herunter, von dem sie sich, halb unbelehrbar, halb aus Bequemlichkeit, den Glauben an ihren spießerhaft blässlichen, aber adretten, vor allem auflagesteigernden Star (Jonas Nay) nicht nehmen lassen wollen. So erinnern sie an die vergleichbar betriebsblinden, 1992 in Dietls „Schtonk!“ von den Herren Benrath und Lause, Mühe und Juhnke mit noch mehr sarkastischer Ironie verkörperten Führungskräfte der „HHpress“, soll heißen: des Sterns.

Alles, was der Chef verlangt

Immer auf der Jagd nach dem nächsten Scoop und endlich erwischt und überführt, macht Begonius geltend, nur getan zu haben, was seitens der Chefetage von ihm „verlangt“ war: „langweilige Fakten in eine spannende Dramaturgie“ zu bringen. Darin ist ihm Regisseur Herbig, mit nicht eben langweiligen Tatsachen, gelehrig gefolgt. Filmisch originell, durch Dichte und Tempo fesselnd, erfinderisch in der Handlungsführung (nur nicht am Schluss) und von Torsten Breuers Kamera vielfältig, auch überraschend illuminiert, weisen die „Tausend Zeilen“ dreierlei nach. Zum einen: Vor Wunderknaben sei gewarnt, in jedem Fall. Zum andern: „Geschichten zu erfinden, ist“, wie Romero alias M’Barek zugibt, „was Wunderbares; es hat nur nichts im Journalismus zu suchen.“ 

Und schließlich: Claas Relotius, der Medien-Scharlatan und abenteuernde Münchhausen einer hier mehr, da weniger seriösen Presse – er ist ersichtlich mit Fantasie gesegnet, einer blühend immergrünen, schrankenlosen, und erzählen kann er, bestechend gut. Welche Gaben für einen Autor! Es hätte was werden können aus ihm: alles Mögliche; allemal mehr als ein schaumschlagender Schreiberling; sogar ein großer Journalist.