Hochfranken-Feuilleton
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)

Zugvögel unterm Traumfänger

Sechs Alleinreisende treffen in einem Motelzimmer zusammen. Alle haben ihr Päckchen zu tragen, was sie nicht am Singen hindert: Mit „Walk on the wild Side“ setzt das Schauspiel des Theaters Hof die erfolgreiche Reihe seiner szenischen Liederabende fort.

Ankommen, singen, weiterziehen (von links): Carolin Waltsgott und Volker Ringe, Beatrice Reece und Benjamin Muth, Dominique Bals und Julia Leinweber. (Fotos: H. Dietz Fotografie)


Von Michael Thumser

Hof, 4. Januar – Sie haben Glück: Den derzeit geltenden Corona-Regeln zufolge dürfen sich in Bayern bei privaten Zusammenkünften, zumal in geschlossenen Räumen, maximal zehn Personen treffen. Im Theater Hof sind sie nur zu sechst; offen bleibt, ob sie alle, wie vorgeschrieben, geimpft oder genesen sind.

     Einer nach der anderen betreten sie das großzügige Doppelzimmer eines US-amerikanischen Hotels oder Motels: Auf der Bühne im Großen Haus hat Ausstatterin Annette Mahlendorf einen ‚geschlossenen Raum‘ sparsam, aber elegant und luftig mit breitem Bett und Sessel, Deko-Schaukelpferd und -Koffer möbliert; an den glatten Klinkerwänden links ein ikonisches Kinoszenenbild aus „Easy Rider“, rechts die allbekannten „Nighthawks“, Edward Hoppers trostlos schöne „Nachtschwärmer“; von der imaginierten Decke schwebt ein Traumfänger herab. Drei Damen und drei Männer – Mitglieder nicht des Musik-, sondern des Schauspielensembles – stoßen hier, augenscheinlich unverhofft, aufeinander, Alleinreisende allesamt, die ihr Päckchen zu tragen haben, was sie nicht am Singen hindert; deshalb wartet auf jede und jeden an der Rampe ein Barhocker mit Mikro davor. „Walk on the wild Side“: Ihr „Spaziergang in der Wildnis“ richtet sich nach innen. Dort, in Herz und Seele, schaut es keineswegs immer ideal und lupenrein aus.

Carolin Waltsgott: Das Herz ist ein Zufluchtsort.

     Mit einem Spaziergang durch Hits der Sechziger- und Siebzigerjahre setzt Intendant Reinhardt Friese die Reihe seiner inszenierten Liederabende fort: Der Johnny-Cash-Abend „Ring of Fire“ mit Volker Ringe und Julia Leinweber zog Scharen begeisterter Zuschauerinnen und Zuhörer an, desgleichen die zwei Ausgaben der Schlager-Hitparade „Hossa!“. Doch anders als in jenen beiden krachend-fröhlichen Retro-Spektakeln geht es im aktuellen „Konzert im Moonlight Motel“ nicht parodistisch-komisch zu, sondern rockig-rhythmisch oder besinnlich und versonnen oder sehnsuchtsvoll-leidenschaftlich oder kompromisslos konfliktbereit … Wieder tun Ringe und Leinweber mit, sie temperamentvoll in Fransen-Top und bunter Flatterhose, zum Schluss mit Brautschleier und Kindergewehr, er im schwarzen Anzug als Kette rauchender Betroffenheitspathetiker à la Lou Reed oder Leonard Cohen, mit von lauter Lebenserfahrung brüchiger Stimme, versunken in die Betrachtung des Mondes, der riesenhaft vor dem Fenster steht (Videografie: Kristoffer Keudel).

Wild, weise und ergreifend

Außerdem stellen sich vor: Beatrice Reece als vor Passion glühende, ja explosive Rockröhre, auch zweier Benzinkanister wegen brandgefährlich; Dominique Bals als cooler Biker und Womanizer; Benjamin Muth als jugendlicher Westerner; und Carolin Waltsgott, gesanglich unvermutet hochtalentiert, als melancholisches Hippiemädel mit leergetrunkener Whiskey-Flasche in der Hand. Viel agieren sie nicht (wenn sies tun, dann tödlich), aber sie reagieren mit ihren Liedern aufeinander, stimmen sich zu, erheben Einspruch – und unterstützen überhaupt einander: Wenn eine oder einer singt, formieren sich andere oft zum Background-Ensemble. Mit insgesamt 27 Songs unter anderen von Janis Joplin und den Stones, Cohen und Reed, Bowie und Dylan, Aretha Franklin und Tina Turner nehmen sie einander das Wort aus dem Mund und den Ton aus der Kehle.

     Vieles reißt mit, manches rührt durch Innigkeit, anderes durch possierliche Unbeholfenheit wie ein Auftritt in der Karaoke-Bar. Mit den wildesten Momenten punktet Beatrice Reece, mit den weisesten Volker Ringe, mit den ergreifendsten Carolin Waltsgott: Ihr wird die Ehre zuteil, mit Billy Joels „And so it goes“ vor dem Publikum ihr Herz zu öffnen als den „Zufluchtsort“, wo die Wunden heilen, die Liebhaber ihr schlugen. Michael Falk, Leiter der Lifeband, begleitet sie dabei mit nichts als zarten Piano-Arabesken. Ansonsten spielen mit ihm vier bravouröse Musiker so emsig wie anpassungsfähig auf: die Gitarristen Oliver Schmidt und Christopher von Mammen – der auch ins Saxofon bläst –, der Bassist Ralf Wunschelmeier und der unverbrauchbare Harry Tröger am Schlagzeug. Leider müssen sie unsichtbar im Orchestergraben verharren – klangerprobte Kellerkinder, denen man doch ebenso gern zusähe wie den Vokalisten.

     Über ihnen füllt sich das Zimmer des Moonlight Motels mit flüchtigen Weisen und Harmonien, Stimmungen und Konfigurationen; ein Durchgangszimmer – Ort mindestens so sehr des Aufbruchs wie der Ankunft, keiner des Verharrens, sondern des Vorübergehens. Traumfänger sind die sechs selbst, Zugvögel, einer wie die andere, die einander die Bahnen kreuzen und sich ohne Lebwohl und Wiedersehen trennen. Sogar eine Leiche steht wieder auf, doch auch sie nur, um sich zu entfernen, wer weiß wohin; vorher allerdings singt auch sie sich noch eins.

Als Grundlage für die Rezension diente der Besuch der Generalprobe.
Informationen zur Produktion und über weitere Aufführungen im Internet: hier lang.