27. Februar 2026 Schreibende, die auf sich halten, stehen ihrer Produktion stets mit einem Gran Skepsis gegenüber. Was sie erschaffen, enthält ihr Bestes, drückt ihr Innerstes aus, spiegelt ihr Selbst womöglich bis in Abgründe hinab; das dürfen wir als Lesende erwarten. Zugleich wissen die Autorin und der Autor, dass sie bei allem Eifer nichts zustande bringen, was geeignet wäre, etwa den medizinischen Fortschritt zu beflügeln, die Klima- und andere Krisen einzudämmen, die Gefahren der KI in den Griff zu bekommen … – oder auch nur einem armen Kind ein paar neue Schuhe zu verschaffen. Was Bücher ‚bewirken‘, entzieht sich der Messbarkeit. Menschlich können wir mithin leicht nachvollziehen, dass seriöse Schreibende gelegentlich sich ihrer selbst versichern und, sich Mut zusprechend, auf der Strahlkraft ihrer Arbeiten beharren. Von John Milton ist uns die Überzeugung überliefert, Bücher seien nicht einfach tote Gegenstände, sondern angefüllt mit einer Art Élan vital, einer Lebensdynamik, „so beflissen wie die Seele, deren Kinder sie sind. Wie in einer Phiole bewahren sie die ergiebigste Quintessenz des lebendigen Geistes, der sie erzeugte.“ Oder ists doch eher ein Gegensatz: Buch versus Geist? Schon der Apostel Paulus (im zweiten der neutestamentlichen Briefe an die Korinther) schreibt: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ Humanistische Agnostiker erinnern sich wahrscheinlich besser an den Griechen Platon, der in seinem „Phaidros“ dem Gespräch huldigt, denn verglichen mit dem lebensvollen Dialog der Geister, Seelen, Haltungen erscheine alles Aufgeschriebene abgestorben. In den „Holländerinnen“, dem schmalen Meisterroman, für den Dorothee Elmiger im vergangenen Jahr hochverdient den Deutschen Buchpreis gewann, heißt es sinnverwandt und geistverwirrend lapidar, „das Schreiben habe immer etwas mit dem Tod zu tun“. Aber das Lesen mit dem Leben, dürfen wir hinzufügen. Denn ist ein Buch erst einmal fertig geschrieben, an ein Ende, vielleicht gar an ein Ziel gebracht, so liegt es ja nicht als Leichnam vor uns. Sobald ein Autor den letzten Punkt gesetzt hat, verwandelt sich sein Abschied vom Stoff zum springenden Punkt, an dem wir Lesende aufbrechen und Fahrt aufnehmen. Natürlich hat Elmiger mit dem Diktum ihrer traumatisierten Protagonistin recht: In einer astronomischen Vielzahl von Büchern wird gestorben, und in den besseren von ihnen ist der Tod zumindest eines der Themen, wenn nicht das hauptsächliche. Zugleich aber helfen uns die Bücher, mit dem Gedanken an den Tod vertraut zu werden, indem sie uns mit der Einsicht in die Sterblich- und Vergänglichkeit auch eine immer neue Ahnung vom Wert des Lebens vermitteln. Und haben die Ideen von Platon, Paulus oder Milton nicht bis heute überdauert, obwohl die Denker selbst schon vor Äonen verblichen? Was jemand schreibt, verdankt sich ganz oder in Teilen seiner Biografie - seinen sehr persönlichen Eingebungen, Erlebnissen und Erfahrungen - und friert es ein; in Verwesung indes geht das Geschriebene darum nicht über, wirkt doch, im Gegenteil, jeder Leser, jede Leserin daran mit, es zu multipler Auferstehung wieder aufzutauen. Die Lebenszeit des Autors, die, solang er schrieb, verstrich, und die erfundene Vergangenheit des Erzählten verwandeln sich, während wir uns ins Buch vertiefen, in die Gegenwart von uns selbst, und jeder von uns vollendet das Werk durch sein Eigenes mit. ■
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LRückblick
20. Februar, Sachbuch
Wenn Tonkünstler über ihr Tun sprechen, so munkeln sie gern pathetisch von der Sprache der Seele und dergleichen. Auch der aus Hof stammende Spiegel-Journalist Ullrich Fichtner scheut die Phrase von der Macht der Musik nicht; so betitelte er sogar sein neues Buch. Er aber ergründet wissenschaftlich profund, dabei fesselnd lesbar, wie und warum Musik unwiderstehlich auf Leib und Seele wirkt. Und er fragt, ob es überhaupt unmusikalische Menschen gibt.
17. Februar, Hof, Freiheitshalle, Großes Haus
Der namhafteste Geheimagent der Welt starb 2021 vor aller Augen, auf der Kinoleinwand, den Heldentod. Indes sprüht seit 1962, seit dem ersten „007“-Abenteuer, das main theme der erfolgreichsten Kinoserie aller Zeiten vor Leben als nicht minder berühmte Ikone der Filmmusik. Dem Sound of James Bond erwiesen die Hofer Symphoniker vor über zweitausend stehend applaudierenden Zuhörenden ihre Reverenz: angemessen im Breitwandformat, im Tonfall vollorchestral.
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Das neue Buch
SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 436 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.
Im Buchhandel und online weiterhin erhältlich