5. März 2026 Nicht mehr lange, und Mats Israelsson hätte Margareta Olsdotter zum Traualtar geführt. Kurz vor der Hochzeit aber verschwand der Bergmann 1677 in einem Stollen des Kupferbergwerks im schwedischen Falun. Spurlos verschwand er, doch nicht auf Nimmerwiedersehen. 1719 stießen Grubenarbeiter unter Tage auf einen Toten, der aussah, als hätte er erst tags zuvor den Geist aufgegeben: Wasser mit einem hohen Anteil an Kupfervitriol hatte Israelssons Leiche 42 Jahre lang so unverweslich erhalten, dass die naturgemäß in die Jahre gekommene Margareta den verschollenen Geliebten gleich wiedererkannte. Was uns wie eine makabre Gebirgssage vorkommt, ist doch wahr, historisch belegt – und wiederholt literarisch verarbeitet worden: Viele von uns kennen die Kalendergeschichte Johann Peter Hebels, manch einer gar E. T. A. Hoffmanns Novelle. Nicht im Berg, unten, sondern oben, auf ihm, blieb im vergangenen Sommer die junge Spitzen-Biathletin Laura Dahlmeier: Am 28. Juli kam die siebenmalige Weltmeisterin und zweifache Olympiasiegerin am Laila Peak im pakistanischen Karakorum-Gebirge durch einen Steinschlag ums Leben, seither liegt sie dort im – auf 5700 Metern ewigen – Eis. Der Gefahren extremer Bergsteigerei war sie sich bewusst und hatte verfügt, man solle ihren Körper im Unglücksfall dort lassen, wo sie ihr Leben lassen würde. Dem haben vor wenigen Tagen auch ihre Eltern zugestimmt: Laura sei auf immer „verschmolzen mit dem Herzen der Berge“, sagte Mutter Susi Dahlmeier der Deutschen Presse-Agentur, der Leila Peak sei „der schönste Friedhof“, den es für ihre Tochter geben könne. Einen Berg besteigen heißt, sich elementaren Kräften der Natur zu unterwerfen: sich ihnen anzupassen, sich vor ihnen vorzusehen – oder ihnen zu erliegen. Davon können Bergführer ein Lied singen, und die seriösen unter ihnen weisen ihre Klientel vor jeder Tour aufs Neue darauf hin. Welch inniges und schicksalhaftes Verhältnis Berg und Tod miteinander pflegen, bekundet die namenreiche Gedenkstätte im Osttiroler Kals am Großglockner so unmissverständlich wie der Bergsteigerfriedhof im schweizerischen Zermatt vor der Kulisse des Matterhorns. Meist werden die Überreste derer geborgen, die den Berg oder das Wetter unter- oder ihre Kräfte überschätzten. Dafür, dass trotzdem viele ‚oben bleiben‘, standen und stehen in aller Welt mehrere hundert Eisleichen wie Laura Dahlmeier. Am Mount Everest in über achttausend Metern Höhe genoss jahrelang ein vermutlich aus Indien stammender Toter grausigen Ruf, der seiner grünen Stiefel wegen als Green Boots bekannt wurde, ebenso wie die sitzend konservierte Hannelore Schmatz aus Regensburg; sie hatte 1979 als erste Deutsche den Gipfel des höchsten Bergs erklommen. Beide sind, womöglich durch Stein- oder Schneelawinen, inzwischen verschwunden. Auf Nimmerwiedersehen? Wahrscheinlich. Doch wer weiß. Immerhin tauchte 1991 in den Alpen Südtirols ein jungsteinzeitlicher Berggänger aus dem Gletschereis wieder auf, den 5300 Jahre zuvor der Pfeil eines Verfolgers tödlich getroffen hatte. Anders aber als jener „Ötzi“ ließ Laura Dahlmeier nicht als Opfer eines Konflikts ihr Leben, sondern als Enthusiastin der Hochgebirgswelt. Statt in einem akkurat ausgeschachteten Grab ruht sie nun inmitten der Elemente, von denen sie herausgefordert werden wollte. Vielleicht gut so. Die Ordnung unserer Friedhöfe verrät auch unseren Drang, neben dem Leben noch den Tod zu kontrollieren. ■
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Rückblick
24. Februar, Hof, Theater, Großes Haus
Requiem für einen Mörder: Regisseur Kay Neumann und sein achtköpfiges Ensemble fragen im Kriminalstück Tannöd - nach Andrea Maria Schenkels Erfolgsroman von 2006 - nicht so sehr danach, wer der Täter war, sondern umso mehr, wer die sechs Opfer waren. Ausstatterin Monika Frenz verlegt die Szenerie ins Freie, wenn auch nicht an die frische Luft. Ihre Bühne zeigt, dass man in einem Birkenwäldchen nicht zwingend Tschechow spielen muss.
20. Februar, Sachbuch
Wenn Tonkünstler über ihr Tun sprechen, so munkeln sie gern pathetisch von der Sprache der Seele und dergleichen. Auch der aus Hof stammende Spiegel-Journalist Ullrich Fichtner scheut die Phrase von der Macht der Musik nicht; so betitelte er sogar sein neues Buch. Er aber ergründet wissenschaftlich profund, dabei fesselnd lesbar, wie und warum Musik unwiderstehlich auf Leib und Seele wirkt. Und er fragt, ob es überhaupt unmusikalische Menschen gibt.
Theater Hof
Schauspiel
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Tannöd
Simpel
Verbrennungen
Die Orestie
Musiktheater
zuletzt
Die Geisterbraut
Die Bajadere
Monty Python’s Not the Messiah
Die Tagebücher von Adam und Eva
Theater andernorts
zuletzt
Der große Gatsby in Bayreuth
Prima Facie im Vogtlandtheaster
Die Meistersinger in Bayreuth
Salome im Vogtlandtheater
Konzert
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Ein Saal außer Rand und Band: Das Hofer Publikum feiert den Pianisten Fabian Müller
Requiem für einen Geheimagenten: Die großen Hits der „James Bond“-Filme
„Gitarrenhighlights“: Siegbert Remberger mit Tangos und Beatles-Hits
Faszination Harfe: 130 Zuhörende in Hof belauschen den Herzschlag der Saiten
Film
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Wuthering Hights
Lolita lesen in Teheran
59. Internationale Hofer Filmtage
Mission Impossible - The Final Reckoning
Kleinkunst, Kabarett, Comedy
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Erwin Pelzig macht in ernsten Zeiten ernst
TBC macht lauter gute Vorschläge
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung
Philipp Scharrenberg verwirrt Bad Steben
Anderes
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„Offenohrigkeit“: Ullrich Fichtner erlebt in aller Welt die Macht der Musik
Holländerinnen: Dorothee Elmigers Tropen-Horror ist ein Meisterwerk
Buch & Musik: Biedermanns „Lázár“ ein Flop, Spohrs Kammermusik wunderbar
Der neue McEwan: Mit dem Top-Romancier auf der Suche nach einem verlorenen Gedicht
Das neue Buch
SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 436 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.
Im Buchhandel und online weiterhin erhältlich