Sehr geehrte Redaktion der Zeit,
seit Jahrzehnten begleitet mich Ihre geschätzte Zeitung, weil sie mich von Woche zu Woche gescheiter macht. Im Ressort „Wissen“ der Printausgabe vom 13. Mai stellt Ihr Artikel „Bildung? Wozu?“ gut begründet den konventionellen bürgerlichen Bildungsbegriff infrage; dazu bietet in Ihrem Online-Angebot der „Quiz-Champion“ Sebastian Klussmann einen „Bildungstest“ an. Ich habe vier Bücher mit Essays über kulturelle und kulturgeschichtliche Themen veröffentlicht, scheiterte aber bereits bei den ersten Fragen krachend. Das kann an meiner von mir überschätzten, offenbar unzureichenden Bildung liegen; vielleicht aber auch daran, dass die „22 Fragen“ Ihres Ratespiels nur selten Inhalte betreffen, die widerspruchslos als Teile von Bildung durchgehen. In puncto doppelte Vornamen bei Bundestagsmitgliedern zum Beispiel fällt die korrekte Antwort in jenen Bereich, den man landläufig als ‚unnötiges Wissen‘ ironisiert (wie es bisweilen in launigen Handbüchern gesammelt wird); und wer die Bevölkerungspyramide der Ukraine richtig zu benennen vermag, verfügt höchstwahrscheinlich über das Fachwissen von Spezialisten oder hat schlichtweg gut geraten. Schwer vorstellbar, dass sich die Redaktion eines der einflussreichsten Medien im deutschen Sprachraum nicht bewusst sein sollte, über welche definitorische Macht sie verfügt: Indem Sie bei der Unterscheidung grundverschiedener Erscheinungsformen von Wissen wenig trennscharf verfahren, tragen Sie dazu bei, dass sich in Bewusstsein und Sprachgebrauch der Menschen die Begriffe verwischen; nicht wenige Leserinnen und Leser halten dann vielleicht bereits für Bildungsgut, was einem zum Zeitvertreib ein Kreuzworträtsel abverlangt oder das beliebte Spiel „Trivial Pursuit“. Das räumt bereits mit seinem Titel ein, dass es ihm um eine „belanglose Jagd nach Allgemeinwissen“ geht. Umgekehrt wäre es angemessen, der lesenden Allgemeinheit zu vermitteln, dass niemand für ungebildet gelten sollte, nur weil ein um Ecken und Umwege ausgeklügelter Fragenkanon sie ratlos zurücklässt. Ihr „Test“ weckt noch nicht einmal die Neugier auf die Themen, aus denen Ihr „Champion“ Klussmann schöpfte. Viel Faktenwissen heißt nicht automatisch viel Weltwissen, wer viel weiß, versteht darum nicht automatisch viel. Ein Quiz bemisst den Pegelstand quantitativen, aufzählbaren Wissens. Um hingegen den Grad der Bildung zu erfassen, muss man qualitativ das Zurechtfinden in der Weite und Breite der Dinge ermitteln, ein nicht erstarrtes, aber strukturiertes Bescheid-Wissen über Ursachen und Wirkungen, Zustände und Zusammenhänge. Wer nach solcher Orientierung strebt, braucht Zeit, um aus Erfahrung klug zu werden, denn Bildung punktet nicht flott, sondern arbeitet sich suchend voran. So verstanden ist Bildung gerade das nicht, was beim Googeln oder nach dem Prompten im Chatbot aufblitzt; so verstanden, bezeichnet sie ein ‚nötiges Wissen‘ für ein konsistentes und dynamisches Bild von der Welt. Und das wiegt unendlich viel schwerer als noch die größte Summe kontextfrei abfragbarer Spitzfindigkeiten in einem Fragespiel. Ihre nächsten „22 Fragen“ stellt besser kein „Quiz-Champion“, sondern ein Zeitgenosse oder eine Zeitgenossin mit einem Hintergrund von Gelehrsamkeit und Intellektualität.
Freundlich grüßend:
Michael Thumser ■
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Rückblick
15. Mai, Hof, Volkshochschule, Glashalle
Dirigentenwechsel beim Kammerchor Hof: Michael Konstantin übernahm das renommierte Ensemble im Herbst vergangenen Jahres von Wolfgang Weser, der es höchst verdienstvoll viele Jahre lang geleitet hat. Jetzt zeigte der doppelte Debütauftritt des Neuen, worin er andere Wege geht – und was er beibehält: Tonkultur, Klangbalance, Mut zum hohen Anspruch. Das Programm beschwor die vielfältige Power of Nature, zu der auch die Liebe gehört.
13. Mai, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Im Lauf zweier Wochen traten beim neunten Internationalen Violinwettbewerb Henri Marteau 91 junge Geigerinnen und Geiger gegeneinander an. Bei der abschließenden Gala nahmen fünf Gewinner und die Gesamtsiegerin ihre Preise entgegen. Durchweg phänomenal die Fähigkeiten der höchstens 23 Jahre alten Künstlerinnen und Künstler; der jüngste der Geehrten ist noch keine zwölf. Das Publikum staunte fassungslos. Aber auch Skepsis ist erlaubt.
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Der große Gatsby in Bayreuth
Prima Facie im Vogtlandtheaster
Die Meistersinger in Bayreuth
Salome im Vogtlandtheater
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Unter neuer Leitung: Der Kammerchor Hof beschwört die „Power of Nature“
Die jungen Besten: Bei der Marteau-Gala lassen phänomenale Talente staunen
Kulturforum Bayreuth: Junge Musiker in der vollkommen runderneuerten Stadthalle
Fantastische Symphonien: Albrecht Mayer als Oboensolist und Dirigent
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Nürnberg
49. Grenzland-Filmtage Selb/Aš
Wuthering Hights
Lolita lesen in Teheran
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Erwin Pelzig macht in ernsten Zeiten ernst
TBC macht lauter gute Vorschläge
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung
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„Offenohrigkeit“: Ullrich Fichtner erlebt in aller Welt die Macht der Musik
Holländerinnen: Dorothee Elmigers Tropen-Horror ist ein Meisterwerk
Buch & Musik: Biedermanns „Lázár“ ein Flop, Spohrs Kammermusik wunderbar
Der neue McEwan: Mit dem Top-Romancier auf der Suche nach einem verlorenen Gedicht
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Die Bücher
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SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 436 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.