Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

2. März, Kino

Hier ist ein gutes Gedächtnis gefragt: 2021 brachte Denis Villeneuve Teil eins der „Dune“-Saga in die Kinos - jetzt knüpft er  mit Dune: Part two nahtlos an. Durch eine episodisch lockere Dramaturgie des Rätsels, der Visonen und der Spiritualität gewährt auch das neue Science-Fiction-Abenteuer überwältigende Einblicke in die Zukunft im Weltall. Über ein paar Zusammenhänge sollte man sich aber vorher informieren.




Eckpunkt

Kriminell kreativ

Von Curiander

25. Februar  Im Fall der Künste entfällt nicht alle kriminelle Energie auf jene bösen Menschen, die Kunst rauben, fälschen oder gar zerstören. Auch unter den Kreativen selbst, und in allen Gattungen, findet sich so mancher schlimme Finger. Wie im berühmten Kurzkrimi „Das Fräulein von Scuderi“ von 1819: Darin erzählt E.T.A. Hoffmann vom Ende des Goldschmieds René Cardillac, der ums Jahr 1680 so besessen an dem von ihm geschaffenen, exquisiten Geschmeide hängt, dass er die Käufer ermordet, um es ihnen raubend wieder wegzunehmen. Als „Cardillac-Syndrom“ bezeichnet die Psychologie denn auch das gar nicht seltene Phänomen, dass ein Künstler oder eine Künstlerin sich von Werken partout nicht trennen mag; zum Beispiel bedingt sich der Österreicher Arnulf Rainer beim Verkauf seiner Gemälde das Recht aus, sie jederzeit aufzusuchen und sogar zu verändern. Als realer Vorgänger Cardillacs machte Benvenuto Cellini im sechzehnten Jahrhundert die Straßen Italiens unsicher. In seiner (von Johann Wolfgang von Goethe übersetzten) Autobiografie nimmt Cellini – Schöpfer des kostbarsten Salzgefäßes der Welt und des lässigen Bronze-Perseus in der Florentiner Loggia dei Lanzi – nicht weniger als drei Morde für sich in Anspruch. Als Vergeltungsakt beging er 1529 den ersten, indem er den Mann erstach, der zuvor seinen Bruder getötet hatte. Offenbar nur wenig reuig, weil nicht ohne Genugtuung schildert der Rächer in seinen Memoiren, wie er dem Opfer den Dolch mit solcher Wucht in den Nacken rammte, dass er ihn nicht mehr herausbekam. Desungeachtet würdigt die Kunstwissenschaft Cellinis schöpferische Genialität. Einem arg vollmundigen Diktum von Joseph Beuys scheint sie recht zu geben, der Künstler und Verbrecher zu „Weggefährten“ erklärte: „Beide sind ohne Moral und verfügen über eine verrückte Kreativität, nur getrieben von der Kraft der Freiheit.“ Eine schwer haltbare Auffassung; gleichwohl könnte als ein Beleg unter den Autoren der Franzose Jean Genet herhalten, der wegen Diebstahls und Betrügereien immer wieder hinter Gittern saß, verherrlicht er doch in seinem Werk hartnäckig Verbrechen, Gewalt und Anarchie. So gab er die weitaus anstößigere Figur ab als der vergleichsweise harmlose Fabulierer Karl May, der ähnlicher Delikte halber alles in allem sieben Jahre in Haft verbrachte. Schwerwiegender in der Nähe zum Kapitalverbrechen verortetete sich hingegen Genets Landsmann Paul Verlaine, durch zwei Pistolenschüsse: In mehr oder weniger mörderischer Absicht, jedenfalls verzweifelt feuerte der Lyriker sie 1873 auf seinen zehn Jahre jüngeren Geliebten und Poetenfreund Arthur Rimbaud ab, als der sich von ihm trennen wollte. Unter den Musikern gebührt der finstere Rang des namhaftesten Killers dem Komponisten und Lautenisten Carlo Gesualdo, Fürst von Venosa: Als er am 17. Oktober 1590 seine Frau Maria d’Avalos mit einem gräflichen Galan beim Liebesspiel ertappte, war beider Leben verwirkt; schaurig wurden sie niedergemetzelt, vermutlich von des Fürsten eigener Hand. Wie stark die Bluttat Gesualdo lebenslang bedrückte, erhellt aus den brutalen Auspeitschungen, denen er sich zur Sühne fortan unterzog, und, bis heute staunend greifbar, aus der an schmerzlichen Dissonanzen reichen, mit ihrer chromatischen Harmonik schier modernen Tonsprache seiner grandiosen Madrigale. Umso entspannter stand Paul Hindemith - der nach E.T.A. Hoffmanns Novelle die 1926 uraufgeführte Oper "Cardillac" schuf - als 26-jähriger Bühnen-Anfänger der Tötung in Tönen gegenüber: Sein erstes Musikdrama heißt optimistisch „Mörder, Hoffnung der Frauen“. ■


Alle früheren Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

27. Februar, Bamberg
Seinen Ausnahmerang als Weltkulturerbe verdankt Bamberg dem Kaiser Heinrich II. Auch er selbst ist einmalig: Als einziger römisch-deutscher Monarch gelangte er zur Ehre der Altäre.  Mit einem vielteiligen Veranstaltungsprogramm erinnert die Stadt im Jahr seines tausendsten Todestages an den Regenten, dessen Heiligen-Status nicht allein auf seinen frommen Taten, auch auf seiner ehelichen Keuschheit gründet.

23. Februar, Kino
Er verdient, durch die Welt jettend, das Geld, während sie zurücksteckt und daheim die Kinder aufzieht: Bei aller Liebe hat das überkommene Geschlechtermodell Wolfs und Veras Partnerschaft ziemlich aufgelöst. Eine große Reise soll die Rettung bringen: In Christopher Dolls unterhaltsamem und bedenkenswertem Regiedebüt gönnt sich die Familie Eine Million Minuten Auszeit, um wieder zu sich selbst zu finden.



Theater Hof

Schauspiel
zuletzt
Dämon
Die bitteren Tränen der Petra von Kant
Der rote Löwe
Bilder deiner großen Liebe


Musiktheater
zuletzt
Sweeney Todd
Winterreise
A Tale of two Cities
Tell me on a Sunday


Theater andernorts
zuletzt
Jelisaweta Bam im Vogtlandtheater
Der König stirbt in der Studiobühne
Siegfried, Götterdämmerung
in Bayreuth
Rheingold und Walküre
in Bayreuth


Konzert
zuletzt
Triumphale Neunte: Christian Zacharias beschließt den Hofer Beethoven-Zyklus
Irgendwie exotisch: Die Symphoniker frönen ihrer Reiselust
Irgendwie vorweihnachtlich:
Das vierte Hofer Konzert der Symphoniker
Henri-Marteau-Preisträgerin:
Die Geigerin Hawijch Elders gibt Selb die Ehre



Film und Fernsehen
zuletzt
Dune: Part two
Eine Million Minuten
Napoleon
Ein ganzes Leben


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung
Philipp Scharrenberg verwirrt Bad Steben
Birgit Süß:
Das Graue vom Himmel
Definitiv vielleicht:
Günter Grünwald in Hof


Anderes
zuletzt
Kaiser Heinrich II.: Bamberg erinnert an den Begründer des Bistums und Doms
Humanistisch bleiben: Eine Performance wirbt für Menschlichkeit im Gaza-Krieg
ORGAN2/ASLSP:
Kleine Änderung beim längsten Musikstück der Welt
Joe Bausch: Der „Tatort“-Pathologe blickt in Hof in die Köpfe von Schwerstverbrechern


Essay  
zuletzt
Ein Quantum Brecht muss bleiben
Zum 125. Todestag des Stückeschreibers
Symphonien des Grauens
125 Jahre „Dracula“ von Bram Stoker

Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien

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Die Bücher
Erhältlich über den Buchhandel und online

KAISERS BART - (2022) Dreizehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 344 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18, als E-Book 9,99 Euro.
Auch Kaisers Bart kommt vor in diesem Buch, zum Beispiel der des mittelalterlichen Staufers Barbarossa. Wenn wir uns indes heute „um des Kaisers Bart streiten“, dann geraten wir nicht wegen einer royalen Haupt- und Staatsaktion, sondern um einer Bagatelle willen aneinander. Dem Gewicht nach irgendwo dazwischen halten sich die Themen der dreizehn Essays auf, die alle dem weiten Feld der Kulturgeschichte entsprossen sind. Umfassend recherchiert und elegant formuliert, erzählen sie über Bücher und Bärte, Genies und Scheusale, über selbstbestimmte Frauen, wegweisende Männer und Narren in mancherlei Gestalt, über Stern- wie Schmerzensstunden der Wort- und Tonkunst. Worüber berichtet wird, scheint teils schon reichlich lang vergangen – „sooo einen Bart“ hat aber nichts davon.



VERPESTETE BÜCHER - (2021) Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Pandemie auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeit. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen ihr raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

WIR SIND WIE STUNDEN - (2020) Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.
Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


DER HUNGERTURM - (2011/2020) Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.
Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.