Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell   
6. Oktober, Hof, Theater, Großes Haus
Vom Theater des russischen Spätrealisten Anton Tschechow wird gesagt, es sei eine handlungsarme Dramenkunst des Ungesagten und der Zwischentöne. Auch das Hofer Programmheft zur ersten seiner vier Meister-„Komödien“, Die Möwe, spricht zu Recht von einem „leisen Welttheater“. Umso geräuschvoller hat  Regisseur Georg Schmiedleitner das Stück inszeniert. Wirklich darf man fragen: Muss man Tschechow denn immer ‚wie Tschechow‘ spielen?



Eckpunkt 

Überschwemmungen

Von Curiander

10. Oktober 2026   Wer sich an den Wasserschaden erinnert, der am 3. Februar 2022 das Theater Hof folgenreich durchtränkte, der kann sich vorstellen, was jüngst, am 29. September 2026, das Publikum in Barcelona empfand. Während des dritten Akts von Giuseppe Verdis „Aida“ begannen im Gran Teatre del Liceu unzählige Mobiltelefone urplötzlich  Laut zu geben, panisch und im Chor. Vielhundertstimmig verbreiteten sie einen Alarm des Zivilschutzes, der vor Sturm und starkem Regen an der nahen Küste warnte. Dramaturgisch fügte sich die Flut der spanischen Signale stimmig in die Opernhandlung ein, die im Alten Ägypten spielt, am Nil, mithin an jenem Strom, der alljährlich zur fruchtbringenden Überschwemmung anschwillt. Katastrophal hingegen hätte sich die Gefahrenmeldung um ein Haar auf den Verlauf des Abends ausgewirkt. Denn Antonello Manacorda am Pult des Orchesters brach die Vorstellung erst einmal ab, Anna Netrebko in der Titelrolle musste verstummen. So illustriert das Geschehnis, auf welch dünnem Eis (um bei der Wassermetapher zu bleiben) so ein Musikdrama sich von der Ouvertüre bis zum Finale fortbewegt. Im Sommer vergangenen Jahres fand eine Bregenzer „Freischütz“-Aufführung wegen miserablen Wetters nicht auf der spektakulären Seebühne, sondern weitgehend im Saale statt. In der New York Met fiel im März 2024 die Bühnentechnik so vollständig aus, dass das Ensemble Giacomo Puccinis „Turandot“ nur singen, jedoch nicht spielen konnten. Das tiefste Wasser aber, worin Musikdramatik versinken kann, ist und bleibt der Mensch –  das Publikum: zumal im neunzehnten Jahrhundert ein Meer eines mit Geld bezahlten und darum gesteuerten Wohlwollens oder Widerstands. Kaum mag man noch für möglich halten, dass am 20. Februar 1816 die Uraufführung des „Barbiers von Sevilla“, Gioacchino Rossinis populärster Oper, in Roms Teatro Argentina niedergebuht wurde und zum Komplettreinfall missriet. Am 17. Februar 1904 erlitt der erfolgverwöhnte Giacomo Puccini in der Mailänder Scala Ähnliches, als seine „Madame Butterfly“ an der Aggressivität eines Auditoriums scheiterte, das sich nicht scheute, neben den üblichen Missfallenskundgebungen auch höhnisch zu lachen und Tierstimmen zu imitieren. Neun Jahre später gehörten derlei Nachäffereien desgleichen zum vielleicht berühmtesten Skandal in der Geschichte des Musiktheaters, als am 29. Mai 1913 in Paris Igor Strawinskys Ballett „Le Sacre du Printemps“ in eine Saalschlacht abdriftete. Die wuchtig perkussive Rhythmik der dissonant rohen Musik, die mit allen Formen und Normen des klassischen Tanzes brach, dazu die Geschichte eines vorgeschichtlichen Menschen-, genauer: Mädchenopfers in Vaslav Nijinskys expressionistischer Choreografie für Sergej Djagilews „Ballets Russes“ – all das provozierte das Publikum von Anfang an. „Man lachte, höhnte, pfiff, ahmte Tiere nach", beschrieb Jean Cocteau den Abend im Théâtre des Champs-Elysées, „Ästheten und einige Musiker“ beleidigten die Zuschauenden in den Logen und griffen sie sogar tätlich an: Zwischen Verächtern und Verteidigern „entwickelte sich der Tumult zum Handgemenge“. Trotz des Protest-Tsunamis konnte das Stück bis an seinen Schluss gebracht werden, und auch jetzt, in Barcelona, durften Aida und Radames ihr tragisches Ende dann doch noch erleiden. Ungelöst bleibt allerdings die Frage, zu welchem Zweck die Leute wohl ihre Handys mit in die Vorstellung genommen hatten. ■

Rückblick   
30. September, Hof. Freiheitshalle, Festsaal
Zwei Schlachtrösser des Repertoires standen beim ersten Hofer Saisonkonzert der Symphoniker auf dem Programm: das zweite Klavierkonzert von Brahms und die „Pathétique“ Tschaikowskys. Schon dieser Auftakt zur neuen Spielzeit - unterm Titel Lyrik und Leidenschaft - darf als einer ihrer  Höhepunkte gelten. Als Solist gastierte Herbert Schuch erstmals in Hof. Ihn dürften erfahrene Musikfreunde aus Reinhold Mages’ Selber Reihe „Klassik in der Fabrik“ kennen.

26. September, Lichtenberg, Haus Marteau
Als lyrischer Tenor gehört er seit Langem international du den profiliertesten Vertretern seines Fachs: Christoph Prégardien, am Flügel souverän von Yaara Tal begleitet, stellte mit Liedern von Franz Schubert, Gustav Mahler und Franz Liszt drei unterschiedliche Wesensarten romantischen Kunstgesangs aufschlussreich nebeneinander. Das begeisterte Publikum erlebte im Urelement Wasser einen Lebenslauf, der zurück zur Quelle fand.


Theater Hof

Schauspiel
zuletzt
Die Möwe
Extrawurst
Endstation Sehnsucht
Cluedo

Musiktheater
zuletzt
Evviva Mamma!
Marilyn forever / Twice through the Heart
Jekyll & Hyde
Die Geisterbraut

Theater andernorts
zuletzt
Rienzi bei den Wagner-Festspielen
Der große Gatsby
in Bayreuth
Prima Facie
im Vogtlandtheater
Die Meistersinger
in Bayreuth
Salome
im Vogtlandtheater


Konzert
zuletzt
Einstand nach Maß: Grandioser Saisonstart in Hof mit Brahms und Tschaikowky
Romantische Lieder:
Christoph Prégardien mit Yaara Tal im Haus Marteau
Ein Mendelssohn-Porträt:
Jungpianist Yoav Levanon gastiert bei den Symphonikern
Unter Druck: In Hof begegnen sich Mieczysław Weinberg und Schostakowitsch

Film
zuletzt
Nürnberg
49. Grenzland-Filmtage Selb/Aš
Wuthering Hights
Lolita lesen in Teheran


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Urban Priol pöbelt gegen alle und alles
Erwin Pelzig macht in ernsten Zeiten ernst
TBC macht lauter gute Vorschläge
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung


Anderes
zuletzt
Miniaturen vs. Monumentalität: In Bayreuth stellen Kollegen Richard Wagner infrage
Bücher & Musik:
Macht Müll Musik? Und ist Gott im Gehirn?
Wagner Circus:
Breakdancer und Artisten begegnen dem „Meister von Bayreuth“
„Offenohrigkeit“: 
Ullrich Fichtner erlebt in aller Welt die Macht der Musik

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Die Bücher

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SCHWEBENDE VERFAHREN - (2025) Vierzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 436 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18 Euro.
Solange in der Rechtsprechung oder der Verwaltung ein Vorgang „anhängig“ ist, sprechen wir von einem „schwebenden Verfahren“. Noch ist also kein Beschluss, kein Urteil ergangen. Dürfen wir beim Blick in die Vergangenheit von unwandelbar gesicherten Tatsachen sprechen, wenn wir bedenken, dass nichts beständig ist außer dem Wandel? Dass wir etwas für wert erachten, als „historisch“ festgehalten zu werden, wurzelt in unserem momentanen Blick. Nicht nur, aber vor allem auch davon berichten die Texte dieses Buchs. Was wir erleben und an Fakten sammeln, sind Etappen und vielleicht nur Augenblicke eines „schwebenden Verfahrens“: eines Prozesses, den wir Geschichte nennen. Das abschließende Urteil steht aus und wird nicht von uns gesprochen werden.


KAISERS BART - (2022) Dreizehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 344 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18, als E-Book 9,99 Euro.
Auch Kaisers Bart kommt vor in diesem Buch, zum Beispiel der des mittelalterlichen Staufers Barbarossa. Wenn wir uns indes heute „um des Kaisers Bart streiten“, dann geraten wir nicht wegen einer royalen Haupt- und Staatsaktion, sondern um einer Bagatelle willen aneinander. Dem Gewicht nach irgendwo dazwischen halten sich die Themen der dreizehn Essays auf, die alle dem weiten Feld der Kulturgeschichte entsprossen sind. Umfassend recherchiert und elegant formuliert, erzählen sie über Bücher und Bärte, Genies und Scheusale, über selbstbestimmte Frauen, wegweisende Männer und Narren in mancherlei Gestalt, über Stern- wie Schmerzensstunden der Wort- und Tonkunst. Worüber berichtet wird, scheint teils schon reichlich lang vergangen – „sooo einen Bart“ hat aber nichts davon.



VERPESTETE BÜCHER - (2021) Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Pandemie auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeitet. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen deren raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

WIR SIND WIE STUNDEN - (2020) Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.
Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


DER HUNGERTURM - (2011/2020) Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.
Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.