Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

20. Mai, Donndorf, Schloss Fantaisie

Vor zweieinhalb Jahrhunderten zog sich der Markgraf von Brandenburg-Bayreuth hierher zurück, heute beherbergt seine Sommerresidenz das erste Gartenkunst-Museum Deutschlands. Gern wählt die Musica Bayreuth den schmucken Bau für delikate Kammerkunst. Jetzt war das Quatuor Hermès aus Frankreich mit anspruchsvollen Werken von Janáček, Fauré und Brahms im Weißen Saal zu Gast



Eckpunkt

Zwanzig Tage

Von Curiander

11. Mai   Als schlimmstes Unglück, das Eltern widerfahren mag, gilt den meisten von uns das Verschwinden eines Kindes. Sein Tod kann Väter, Mütter, Partnerschaften zerstören. Womöglich aber ist, so dürfen wir vermuten, die Qual noch größer, geht das Kind als Vermisstenfall verloren. Seit dem 22. April fehlt einer Familie in Bremervörde ihr kleiner Sohn: Spurlos verschwand der sechsjährige Arian, und auch ein 1200-köpfiges Heer von Polizeibeamten, -beamtinnen und Freiwilligen fand ihn bislang nicht. Nur ein ‚Fall‘ von 1845 Mädchen und Jungen unter dreizehn Jahren, von denen zurzeit jedes Lebenszeichen fehlt; insgesamt führt das Bundeskriminalamt 9554 Personen als abgängig, siebzig Prozent davon sind männlich. Erfahrungsgemäß taucht das Gros der Vermissten nach Tagen oder Wochen wieder auf, nur drei Prozent bleiben länger als ein Jahr unauffindbar. Indes lassen uns die notgedrungen unempathischen Medienmeldungen und Statistiken kaum je ahnen, dass zu einem verschwundenen Menschen stets verlassene Menschen gehören, Angehörige, in Angst zurückgeblieben. Von einem Augenblick zum nächsten entbehren sie einen wichtigen Teil ihres Daseins, ein Objekt ihrer Liebe, fortan zerrissen zwischen Hoffnungen und Ungewissheit. Mögen auch den allermeisten von uns derlei Prüfungen zum Glück erspart bleiben, so sollten wir doch für ein paar mitmenschliche Momente innehalten, um uns ihre Lage zumindest annähernd klarzumachen. Brannte Arian durch und verlief sich dann? Was erleidet er in gerade dieser und der nächsten Stunde? Fiel er einem Verbrechen zum Opfer? Warum er? Durch Zufall? Oder wählte und spähte ihn jemand vorsätzlich aus? Im Dasein der betroffenen Familie dürfte wohl jede Normalität und Routine ihre Bedeutung schlagartig verlieren. Monoman zermartern sich die Gehirne beim Grübeln nach Gründen, zugleich wird das vermeintlich umfriedete Heim zum schutzlos offenen Ort unauflöslicher Widersprüche: Das Kind fehlt und bleibt doch anwesend in jedem Spielzeug und Kleidungsstück, das bis vor Kurzem sein eigenwertig unverwechselbares Leben charakterisierte und nun seine selbstverständliche Gegenwärtigkeit nur noch vortäuscht. Wie wohl hält sich das Bild des Vermissten in der Erinnerung, die, wie wir alle wissen, schon nach ein paar Tagen zu Verklärungen oder Verzerrungen neigt: Drückten die letzten Worte und Blicke mit ihm Zugewandtheit und Zuneigung aus, oder herrschte Druck, Spannung, Streit? In einer Gesellschaft wie der unseren, die auf allgemeine Sicherheit als einen ihrer höchsten Zwecke setzt, entzieht das unergründlich plötzliche Fehlen eines Menschen seinen Nächsten unweigerlich den Boden unter den Füßen – das unterscheidet einen solchen Verlust von der schmerzhaften Lücke, die ein absehbarer Todesfall in unsere Kreise reißt. Alle fünf bis zehn Jahre verdoppelt sich das Wissen der Welt, doch das vitale Interesse von uns Individuen stößt in einer Ausnahmesituation bereits nach drei Wochen an undurchdringliche Grenzen. Zwanzig Tage - schon so lange scheint der kleine Adrian wie ausgelöscht; seinen Tod allmählich für gewiss zu halten – heißt das, ihn vorschnell abzuschreiben? Am 30. April stellte die Polizei die „aktive Suche“ nach ihm ein; seither gehe, heißt es, eine Ermittlungsgruppe „ganz vielen Hinweisen“ nach. Inzwischen baten die Eltern eine ehrenamtliche Suchhunde-Staffel um Hilfe, auch dies ein Gradmesser ihres Grams. ■

Alle früheren Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

18. Mai, Hof, Hospitalkirche
Drei Streicherinnen und drei Streicher, dazu eine Harfenistin: Beim Kammerkonzert mit Mitgliedern der Hofer Symphoniker erklangen drei Kompositionen, denen nicht oft in öffentlichen Aufführungen zu begegnen ist. Als Hauptbeitrag stand Pjotr Iljitsch Tschaikowskis großes Sextett Souvenir de Florence im Zentrum, flankiert von nicht minder wechselvollen Werken Gabriel Faurés und Claude Debussys.

16. Mai, Plauen, Vogtlandtheater, Großes Haus
Nach einer Grafikserie des berühmten Kupferstechers William Hogarth ließ sich Igor Strawinsky das Libretto zu seiner einzigen abendfüllenden Oper schreiben: 1951 kam The Rake’s Progress in Venedig heraus - jetzt führen sie Regisseur Horst Kupich, Paul Taupitz am Pult und ein agiles Ensemble als neoklassizistische Satire mit einem veredelnden Beigeschmack von schönem Ernst vor.



Theater Hof

Schauspiel
zuletzt
Vorhang auf für Cyrano!
Die Politiker
Der Menschenfeind
Dämon


Musiktheater
zuletzt
Zorro
1984
Anna Karenina
Sweeney Todd


Theater andernorts
zuletzt
The Rake’s Progress in Plauen
Jelisaweta Bam
im Vogtlandtheater
Der König stirbt in Bayreuths Studiobühne
Siegfried, Götterdämmerung
in Bayreuth



Konzert
zuletzt
Quatuor Hermès: Anspruchsvolle Kammerkunst mit Gästen aus Frankreich
Andenken an Florenz:
Drei Kammerwerke von Tschaikowski, Debussy, Fauré
Sphärenmusik:
Sternenschimmer und Ekstase mit Pēteris Vasks und Sibelius
Filmmusik:
Die Symphoniker huldigen John Williams und Hans Zimmer



Film und Fernsehen
zuletzt
Civil War
Anatomie eines Falls
The Zone of Interest
Dune: Part two


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung
Philipp Scharrenberg verwirrt Bad Steben
Birgit Süß:
Das Graue vom Himmel
Definitiv vielleicht:
Günter Grünwald in Hof


Anderes
zuletzt
Aus dem Leben alter Häuser: Begleitbuch zur Hofer Stadtbrand-Ausstellung
Kaiser Heinrich II.: Bamberg erinnert an den Begründer des Bistums und Doms
Humanistisch bleiben: Eine Performance wirbt für Menschlichkeit im Gaza-Krieg
ORGAN2/ASLSP:
Kleine Änderung beim längsten Musikstück der Welt


Essay  
zuletzt
Schwebende Verfahren
Zum 100. Todestag Franz Kafkas
Ein Quantum Brecht muss bleiben
Zum 125. Geburtstag des Stückeschreibers
Symphonien des Grauens
125 Jahre „Dracula“ von Bram Stoker

Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag


_____________________________________


Die Bücher
Erhältlich über den Buchhandel und online

KAISERS BART - (2022) Dreizehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 344 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18, als E-Book 9,99 Euro.
Auch Kaisers Bart kommt vor in diesem Buch, zum Beispiel der des mittelalterlichen Staufers Barbarossa. Wenn wir uns indes heute „um des Kaisers Bart streiten“, dann geraten wir nicht wegen einer royalen Haupt- und Staatsaktion, sondern um einer Bagatelle willen aneinander. Dem Gewicht nach irgendwo dazwischen halten sich die Themen der dreizehn Essays auf, die alle dem weiten Feld der Kulturgeschichte entsprossen sind. Umfassend recherchiert und elegant formuliert, erzählen sie über Bücher und Bärte, Genies und Scheusale, über selbstbestimmte Frauen, wegweisende Männer und Narren in mancherlei Gestalt, über Stern- wie Schmerzensstunden der Wort- und Tonkunst. Worüber berichtet wird, scheint teils schon reichlich lang vergangen – „sooo einen Bart“ hat aber nichts davon.



VERPESTETE BÜCHER - (2021) Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Pandemie auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeit. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen ihr raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

WIR SIND WIE STUNDEN - (2020) Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.
Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


DER HUNGERTURM - (2011/2020) Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.
Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.