Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

11. Juni, Hof, Freiheitshalle, Festsaal

Wie „klopft das Schicksal an die Pforte“? Keineswegs immer, wie bei Beethoven, kurz angebunden mit Ta-ta-ta-taaa, sondern auch schon mal, bei Lili Boulanger, mit sachter Geisterhaftigkeit, oder wie bei Brahms: mit dem insistierenden Herzschlag der Pauke. Beim Konzert der Symphoniker stellten sich „Frühlingsboten“ von sehr unterschiedlicher  Gestimmtheit ein. Nur Jean Françaix blieb heiter und gelassen.



Eckpunkt

Kulturgut Fußball

Von Curiander

14. Juni   Dünkelhafte Zeitgenossinnen und -genossen könnten unlängst einen Kulturschock erlitten haben, als sie erfuhren: Der Nachlass Sepp Herbergers wird fortan im „Verzeichnis national wertvollen Kulturguts“ geführt. Unter die Kategorie fällt, was die Besten unter uns an Bedeutendem von zeitloser Ausstrahlung hervorgebracht haben und was darum beanspruchen darf, als vorbildlich wertgeschätzt und gehütet zu werden. Inwieweit dies im Einzelnen auf Herbergers Hinterlassenschaft zutrifft, wäre detailliert zu untersuchen; freilich schallt noch 47 Jahre nach seinem Tod wie Donnerhall sein Ruf als Bundestrainer jener Fußballnationalmannschaft, die er 1954 zu ihrem ersten Weltmeistertitel führte. In über zweihundert Kartons, so meldeten die Medien, seien seine Souvenirs, zudem 4600 Bilder eingelagert, alles von „herausragendem öffentlichem Interesse“. Folglich lautet die Vorschrift, dass nichts davon das Bundesgebiet verlassen darf. Dahingestellt bleibe dabei einerseits, inwieweit im Ausland überhaupt Interesse an den Relikten und Reliquien besteht. Mit Kultur haben, andererseits, der Fußball und damit seine Protagonisten auf dem Spielfeld und an dessen Rand allemal zu tun, darauf sollten wir Feuilletonisten gerade heute, am Starttag der Europameisterschaft im eigenen Land, solidarisch hinweisen. Denn unzweifelhaft schafft dieser Sport Gemeinschaftsgefühle und Identität, und das nicht nur in den Fankurven der Hooligans und Ultras. Auch schrieb er sich unauslöschlich in die Geschichte des für unsere Heimat so wichtigen Vereinswesens ein und hinterließ mit dem „Wunder von Bern“ vor siebzig Jahren ein flammendes Erinnerungsmal im kollektiven Gedächtnis. Und putzen Ausstellungen und Performances, Kino und Konzerte nicht immer wieder die Rahmenprogramme vieler Großveranstaltungen des Fußballs auf? Literarisch gingen und gehen ihm Schriftsteller wie Ror Wolf auf den Grund; zum Beispiel stand just während der laufenden Saison Patrick Marbers Ab- und Aufsteigerdrama „Der rote Löwe“ auf dem Spielplan des Theaters Hof. Unter die Autoren ging 2021 auch der französische Spieler Paul Lasne, als er Corona-halber ein wenig freie Zeit fand („MurMures“, etwa „Lockdown-Geflüster“), und konstatierte: „Fußball ist eine Kunst.“ Wirklich lässt sich die Sportart durchaus mit den idealistischen Parametern des Wahren, Guten, Schönen beschreiben. Unverhüllt erweist sich auf dem Platz, was einer kann und was nicht, und jeder wird geahndet. Durch spieltechnisches Vermögen, Persönlichkeit und Leidenschaftlichkeit offenbart sich die Güteklasse der Kickerinnen und Kicker. Und selbst die Ästhetik spricht ein Wort mit: Als vor fünf Wochen der einstige argentinische Weltmeistertrainer Cesar Luis Menotti 85-jährig gestorben war, wurde ihm vielfach nachgerufen, er habe einen besonders „schönen Fußball“ verfochten. Dasselbe tun (mehr noch als die Spielerfrauen) die spielenden Frauen, seit sie zunehmend Erfolge feiern - „Warum Frauen schöner Fußball spielen“, versuchte die Süddeutsche Zeitung schon 2015 zu ermitteln. Zwar bestand Sepp „der Chef“ darauf, ausschließlich Männer zu trainieren, doch sogar für Bildung als eines der zentralen Kulturgüter steht seine unvergessene Person, beherbergte Herbergers Haus in Hohensachsen doch eine umfangreiche Bibliothek: Mao, Machiavelli, Clausewitz … Dem Deutschlandfunk berichtete Manuel Neukirchner, Gründungsdirektor des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund, der Trainer habe Gäste gern und stolz zu seinen Büchern geführt. Zu Recht: Denn sind sie wahr, sind sie gut. Und sind sie gut, sind sie auch schön. ■

Alle früheren Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.

Rückblick

6. Juni, Kino
Die Mutter totkrank, der Vater dement, die Schwester Alkoholikerin - und Tom selbst vom Leben und all dem Sterben um ihn her vereinsamt und überfordert: Will man solch einen Film sehen? Man sollte: Matthias Glasners Tragödie einer dysfunktionalen Familie überwältigt drei Stunden lang durch spontane Inszenierung, einzigartige Schauspielkunst und berückende Musik. Eine Strapaze, die sich lohnt.

4. Juni, Bayreuth, Markgräfliches Opernhaus
Bei Live-Übertragungen der BBC haben sie schon vor vier Milliarden Menschen gesungen. Jetzt füllten The Queen’s Six das Parkett und alle Ränge im Rokotheater: Das britische Vokalensemble, Hofsänger von King Charles III. in Windsor Castle (und dort auch selbst zu Hause), begeisterte das Publikum der Musica Bayreuth mit erlesener A-cappella-Kunst zwischen Renaissance-Puristik und Pop-Rock.



Theater Hof

Schauspiel
zuletzt
Vorhang auf für Cyrano!
Die Politiker
Der Menschenfeind
Dämon


Musiktheater
zuletzt
Zorro
1984
Anna Karenina
Sweeney Todd


Theater andernorts
zuletzt
The Rake’s Progress in Plauen
Jelisaweta Bam
im Vogtlandtheater
Der König stirbt in Bayreuths Studiobühne
Siegfried, Götterdämmerung
in Bayreuth



Konzert
zuletzt
Früh vollendet: Die mit 24 Jahren gestorbene Lili Boulanger trifft Brahms
The Queen’s Six:
Erlesener A-cappella-Gesang aus Windsor Castle
Quatuor Hermès:
Anspruchsvolle Kammerkunst mit Gästen aus Frankreich
Andenken an Florenz:
Drei Kammerwerke von Tschaikowski, Debussy, Fauré



Film und Fernsehen
zuletzt
Sterben
Civil War
Anatomie eines Falls
The Zone of Interest


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Olaf Schubert bewertet die Schöpfung
Philipp Scharrenberg verwirrt Bad Steben
Birgit Süß:
Das Graue vom Himmel
Definitiv vielleicht:
Günter Grünwald in Hof


Anderes
zuletzt
Aus dem Leben alter Häuser: Begleitbuch zur Hofer Stadtbrand-Ausstellung
Kaiser Heinrich II.: Bamberg erinnert an den Begründer des Bistums und Doms
Humanistisch bleiben: Eine Performance wirbt für Menschlichkeit im Gaza-Krieg
ORGAN2/ASLSP:
Kleine Änderung beim längsten Musikstück der Welt


Essay  
zuletzt
Schwebende Verfahren
Zum 100. Todestag Franz Kafkas
Ein Quantum Brecht muss bleiben
Zum 125. Geburtstag des Stückeschreibers
Symphonien des Grauens
125 Jahre „Dracula“ von Bram Stoker

Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag


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Die Bücher
Erhältlich über den Buchhandel und online

KAISERS BART - (2022) Dreizehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 344 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18, als E-Book 9,99 Euro.
Auch Kaisers Bart kommt vor in diesem Buch, zum Beispiel der des mittelalterlichen Staufers Barbarossa. Wenn wir uns indes heute „um des Kaisers Bart streiten“, dann geraten wir nicht wegen einer royalen Haupt- und Staatsaktion, sondern um einer Bagatelle willen aneinander. Dem Gewicht nach irgendwo dazwischen halten sich die Themen der dreizehn Essays auf, die alle dem weiten Feld der Kulturgeschichte entsprossen sind. Umfassend recherchiert und elegant formuliert, erzählen sie über Bücher und Bärte, Genies und Scheusale, über selbstbestimmte Frauen, wegweisende Männer und Narren in mancherlei Gestalt, über Stern- wie Schmerzensstunden der Wort- und Tonkunst. Worüber berichtet wird, scheint teils schon reichlich lang vergangen – „sooo einen Bart“ hat aber nichts davon.



VERPESTETE BÜCHER - (2021) Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Pandemie auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeit. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen ihr raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

WIR SIND WIE STUNDEN - (2020) Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.
Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


DER HUNGERTURM - (2011/2020) Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.
Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.