Hochfranken-Feuilleton
 Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.  (Voltaire)
Aktuell

29. November, Hof, Freiheitshalle, Festsaal
Andere Kabarettisten mögen mit ihrer Satire schärfer und öfter treffen - als Imitator findet Wolfgang Krebs nicht leicht seinesgleich. Und auch wenn unklar bleibt, warum sein aktuelles Programm „Vergelts Gott!“ heißt, darf man doch bestens unterhalten anerkennen: Er hat sie alle drauf, den Stoiber und den Söder, den altbairischen Dorf-Drahtzieher - und den „Kini“ sowieso.

29. November, Kino
Im Februar brachte Karoline Herfurth ihren Ensemble- und Episodenfilm „Wunderschön“ heraus. Nun schiebt sie, neuerlich tragikomisch, gleich Einfach mal was Schönes nach. Ihrem Thema bleibt sie treu: Frauen, die ihr Leben erst eigentlich gewinnen, indem sie es selbstbestimmt bestreiten. Wieder umgab sich die Regisseurin, die auch ihre Hauptdarstellerin ist, mit großartigen Darstellerinnen.


Eckpunkt

Zwanzig Volltreffer

Von Curiander

26. November   Da mache jemand etwas, „das man nicht machen darf“: So umriss 2012 in Tübingen der Kurator Daniel Schreiber den künstlerischen Ansatz des Pop-Art-Künstlers Allen Jones. In der dortigen Kunsthalle dokumentierte vor zehn Jahren die bis dahin größte Retrospektive seines Lebenswerks die schamlose Lust und unverschämte Wucht, mit denen der damals 74-jährige Brite althergebrachte Tabus zu brechen liebte. Aufs Provokanteste tat ers etwa durch die 1969 gefertigten, seither so berühmten wie berüchtigten Möbelstücke, die er aus Skulpturen kaum bekleideter, devoter Fetischladys geschaffen hatte. Im Jahr zuvor war Jones in Kassel auf der vierten „documenta“ mit einem Triptychon vertreten gewesen: Die vertikal aneinandergefügten Teile des Gemäldes, das heute im Kölner Museum Ludwig hängt, zeigen fast drei Meter hoch eine ebenfalls fast hüllen-, diesmal auch noch gesichtslose Dame als ergebene Wunscherfüllerin: Der Titel der Arbeit charakterisiert die Figur als bestmögliche Übereinstimmung mit dem klassischen feuchten Männertraum – als „Perfect Match“. Heute heißt so bei Nutzern und Nutzerinnen von Dating-Portalen der Volltreffer bei der Partnerinnen- oder Partnersuche. Dergleichen muss auch nicht entbehren, wer sich zwischen einer Verabredung und dem nächsten one-night stand Zeit für ein bisschen Kunst nimmt. Denn das Bode-Museum in Berlin hat vor wenigen Tagen die App „Perfect Match!“ freigeschaltet, mit der das weltweit renommierte Haus im Zeichen digitaler Totalvernetzung eine zeitgeistig-zeitgemäße Art der Publikumswerbung und Kunstpräsentation erprobt; in den Stores von Android und iOS ist das Programm, für das Studierende der Kunstgeschichte am Caspar-David-Friedrich-Institut der Universität Greifswald die Recherche leisteten und die Texte schrieben, kostenlos erhältlich. Macht das Beispiel Schule, so könnten in immer mehr Ausstellungen, Sammlungen und Galerien die faden Schrifttafeln mit Erläuterungen, sogar die weit beliebteren und gebrauchsfreundlicheren Audio-Guides ausgedient haben. Nun nämlich können die Nutzerinnen und Nutzer, ähnlich wie beim Swipen während der Online-Anbahnung, schon zu Hause aus einem Angebot von bisher zwanzig Exponaten des Museums auswählen. Was nicht gefällt, wird weggewischt. Mit den Objekten, die auf Interesse stoßen, eröffnet sich, wie es auf der Website der Staatlichen Museen zu Berlin heißt, die Gelegenheit zum „persönlichen Chat“ – vorausgesetzt, auch das Exponat ist an näherer Kontaktaufnahme interessiert. Dann berichtet, zum Beispiel, eine Statuette des Heiligen Patroklus, wie es ihr gelang, von Plünderern aus der Armee Napoleons verschont zu werden. Besonderes Interesse bekunden die Exponate verständlicherweise daran, den Interessenten irgendwann an Ort und Stelle persönlich gegenüberzustehen oder -zuhängen: „Vor Ort am Original“, teilt die Homepage mit, „kann der Chat dann vertieft werden – was sich als emotional, lustig, ernst oder einfach informativ erweisen kann.“ Die App solle „spielerisch Berührungsängste und Hemmschwellen abbauen, indem sie Objekten ein Gesicht gibt“. Die meisten besitzen freilich ohnehin längst eins, etwa Tilmann Riemenschneiders Evangelist Markus von 1492 oder Michel Erharts nur wenig jüngere „Muttergottes“. Beide, der entrückte Jesus-Biograf wie Maria mit dem Jesuskind, verhalten sich zudem sehr anders als die zwar divergenten, indes in Lüsternheit vereinten perfect matches des Tabubrechers Allen Jones: Sie haben was an, vom Hals bis zu den Knöcheln. ■

Alle früheren Kolumnen im Eckpunkte-Archiv.






Rückblick

26. November, Selb, Rosenthal-Theater
Dürfen wir die Russen noch mögen, neun Monate nach dem Ausbruch von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine? Die Hofer Symphoniker, von Daniel Spaw geleitet, verweigern sich allen Verdikten und spielen ein Programm, in denen Werke russischer Komponisten überwiegen. Der junge Cellist Friedrich Thiele, angeweht von mozartschem Geist,  brilliert mit Pjotr Tschaikowskys „Rokoko-Variationen“.


Theater Hof
Schauspiel
zuletzt
Abgrund
Peer Gynt
Greta
Richard der Dritte

Musiktheater
zuletzt
Helena Citrónová
Die letzten fünf Jahre
Jack the Ripper
Lucia di Lammermoor
(konzertant)

Vogtlandtheater (Plauen):
zuletzt
Frühlings Erwachen (Live fast, die young)
Wunschkonzert/Warum läuft Herr R. Amok?
(Staatsschauspiel Dresden)
Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
Radames/Harakiri


Studiobühne Bayreuth
zuletzt
Glückliche Tage
Die Quizkönigin
Die Blechtrommel
Das Original


Theater andernorts
zuletzt
Tristan bei den Bayreuther Festspielen
Amadeus
auf der Luisenburg
Trolle unter uns
auf der Luisenburg
Celine
im Selber Rosenthal-Theater


Konzert
zuletzt
Tschaikowskys „Rokoko-Variationen“ und andere russische Musik in Selb
„projects4cellos“
eröffnen die neue Kammermusikreihe der Symphoniker
Jess Gillam,
24-jährige Spitzen-Saxofonistin, bei den Symphonikern
Die Hofer Symphoniker spielen Musik aus den Vereinigten Staaten


Film und Fernsehen
zuletzt
Einfach mal was Schönes
56. Internationale Hofer Filmtage
Tausend Zeilen
45. Grenzland-Filmtage in Selb


Kleinkunst, Kabarett, Comedy
zuletzt
Wolfgang Krebs in Hof
Martin Zingsheim bei den Kulturwelten
Stefan Waghubinger beim Forum Naila
TBC in Kaiserhammer


Anderes
zuletzt
Die dunkle Seite:
Fünftägiges Krimi-Lesefest in Helmbrechts und Hof
Lektionen: Der siebzehnte Roman Ian McEwans ist einer seiner besten
Fränkische Lichtmaler: Große Fotokunst-Ausstellung in Hof
Die „Gruppe 47“: Auftakt im Allgäu, Finale in  der Fränkischen Schweiz


Essay  
zuletzt
Symphonien des Grauens
125 Jahre „Dracula“ von Bram Stoker
Man muss ihn nicht mögen
Napoleon zum 200. Todestag
In den Städten der Toten

Katakomben in Rom, Paris, Wien
Nichts wie weg
Über die Panik


_____________________________________


Das neue Buch ist da
Erhältlich im Buchhandel und online

KAISERS BART - Dreizehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 344 Seiten, gebunden 25, als Paperback 18, als E-Book 9,99 Euro.
Auch Kaisers Bart kommt vor in diesem Buch, zum Beispiel der des mittelalterlichen Staufers Barbarossa. Wenn wir uns indes heute „um des Kaisers Bart streiten“, dann geraten wir nicht wegen einer royalen Haupt- und Staatsaktion, sondern um einer Bagatelle willen aneinander. Dem Gewicht nach irgendwo dazwischen halten sich die Themen der dreizehn Essays auf, die alle dem weiten Feld der Kulturgeschichte entsprossen sind. Umfassend recherchiert und elegant formuliert, erzählen sie über Bücher und Bärte, Genies und Scheusale, über selbstbestimmte Frauen, wegweisende Männer und Narren in mancherlei Gestalt, über Stern- wie Schmerzensstunden der Wort- und Tonkunst. Worüber berichtet wird, scheint teils schon reichlich lang vergangen – „sooo einen Bart“ aber hat nichts davon.


Weiterhin im Buchhandel
und im Internet erhältlich


VERPESTETE BÜCHER - Elf literarische Epidemien und ein Epilog. Von Michael Thumser. Mit Buchschmuck von Stephan Klenner-Otto. Verlag Tredition, Hamburg, 172 Seiten, gebunden 16,99, als Paperback 8,99, als E-Book 2,99 Euro.
Dieses Buch ist nicht das Buch zur Krise. Freilich ist es ein Buch zur Zeit. Es will einem traditionsreichen, aber noch unbenannten Genre der Weltliteratur einen passenden Namen geben: dem Seuchenbuch. Erstmals erschienen die literaturkundlichen Essays während der Corona-Krise auf dieser Website. Vermehrt um ein Kapitel über Mary Shelleys Roman „Der letzte Mensch“, wurden sie sämtlich überarbeit. Den ausgewählten Werken der deutschsprachigen und internationalen Erzählkunst ist gemeinsam, dass in ihnen Epi- und Pandemien eine Hauptrolle spielen. So belegen die Werkporträts, dass die Furcht vor Seuchen und die Hilflosigkeit gegen ihr raumgreifendes Wüten die Geschichte der Menschheit als Konstanten durchziehen. Die greifbare Beispielhaftigkeit der vorgestellten Seuchenbücher verleiht ihnen über ihre Epochen hinaus Wirkung und Gewicht.

 

WIR SIND WIE STUNDEN - Neunzehn Essays von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 340 Seiten, gebunden 21,99, als Paperback 12,99, als E-Book 2,99 Euro.
Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.


DER HUNGERTURM - Dreizehn Erzählungen von Michael Thumser. Verlag Tredition, Hamburg, 288 Seiten, gebunden 19,99, als Paperback 10,99, als E-Book 2,99 Euro.
Von Paaren handeln etliche der dreizehn Geschichten in diesem Band: von solchen, die auseinandergehen, von anderen, die „trotz allem“ beieinanderbleiben, von wieder anderen, die gar nicht erst zusammenfinden. Dass die Liebe auch bitter schmecken kann, ahnen oder erfahren sie. Sich selbst und der Welt abhanden zu kommen, müssen manche der Figuren fürchten, den Kontakt zu verlieren, allein zu sein oder zu bleiben und nichts anfangen zu können, nur mit sich. Manche haben ihren Platz ziemlich weit fort von den anderen, zum Beispiel hoch über ihnen wie der namenlose Protagonist der Titelerzählung "Der Hungerturm". Irgendwann freilich werden sie aufgestört von der halb heimlichen Sehnsucht, mit jemandem zu zweit zu sein. Bei anderen genügt ein unerwarteter Zwischenfall, dass der Boden unter ihren Füßen ins Schwanken gerät und brüchig wird. Und es gibt auch welche, denen die Wirklichkeit in die Quere kommt, weil sie ein Bild von sich und Ziele haben, die nicht recht zu ihnen passen. Knapp und zielstrebig, bisweilen in filmartig geschnittenen Szenen und Dialogen berichten die zeitlosen Erzählungen davon, wie aus Unspektakulärem etwas Liebes- und Lebensbestimmendes, mitunter Tödliches erwächst.